Onlineversion des Themenheftes Medien und Politik

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  • Vollständige Printausgabe als Download

Die Unterrichtsbeispiele - von LehrerInnen erarbeitet und erprobt - folgen einer einheitlichen Struktur: Die Kategorien Alterstufe, Lehrplanbezug, Unterrichtsziele und Kompetenzen erlauben die schnelle Verortung des Unterrichtsbeispiels. Methodisch-didaktische Vorbemerkungen geben Hinweise auf die Umsetzung im Unterricht. Die Arbeitsaufgaben und Materialien für die SchülerInnen lassen sich als PDF-Dateien einfach downloaden.

BASISARTIKEL
Aus der THEORIE FÜR DIE PRAXIS
Für den UNTERRICHT
UNTERRICHTSBEISPIEL: Medien und Politik - Mediennutzung
Schulstufe

Sekundarstufe I, (8. Schulstufe) Sekundarstufe II

Lehrplanbezug

Grundsatzerlass zur Medienerziehung, der auf eine umfassende Medienbildung abzielt und die Pädagogik an sich als Medienpädagogik positioniert.1

Kompetenzen
  • Medien-, Methoden-, Sach- und Urteilskompetenz

  • Durch die Beschäftigung mit dem Thema „Medien“ mittels der vorliegenden Unterrichtsbeispiele soll die Entwicklung von tatsächlicher Handlungskompetenz forciert werden.

Zentrale Fragestellungen
  • Wie beeinflusst der Medienkonsum mein politisches Bewusstsein?

  • Wie können SchülerInnen die Manipulationsmacht von Medien erkennen lernen?

  • Welche analytischen Fähigkeiten sind zur kritischen Reflexion der Wirksamkeit von Medien erforderlich?

  • Wie kann bewusstes Medienhandeln und bewusste Mediennutzung entwickelt werden?

  • Wie können Neue Medien zur politischen Partizipation beitragen?

Annäherung an das Thema

Die Bedeutung der Medien in einer globalisierten Welt ist evident. Einerseits ist die mediale Entwicklung selbst ein wesentlicher Motor für den Prozess der Globalisierung, andererseits beeinflussen die globalen Massenmedien die Meinungen und Weltbilder von Menschen immer stärker. Die Auswahl der Medien (bewusst oder unbewusst) und die Art und Weise der Mediennutzung beeinflussen dabei sowohl individuelle als auch kollektive Sichtweisen auf politische, wirtschaftliche, soziale oder ökologische Ausschnitte der Welt. Medien erschaffen daher erst Wirklichkeiten? Auch für SchülerInnen sind Medien zum selbstverständlichen und permanenten Bestandteil ihrer Lebenswelt geworden. Politische Bildung hat dabei in Hinblick auf die Entwicklung von politischer Mündigkeit die Aufgabe, zur Etablierung eines kritischen Medienbewusstseins beizutragen.2 Dieses Medienbewusstsein muss Bestandteil eines reflektierten und selbstreflexiven Politikbewusstseins sein.3 Information, Kritik, Kontrolle und Unterhaltung zählen zu den wesentlichen Funktionen von Medien. Der Trend der letzten Jahre zeigt eine ganz starke Zunahme der Unterhaltungs-funktion. Die Kontrollfunktion von Medien wird mit der Begrifflichkeit „vierte Gewalt“ beschrieben. Medien haben zu informieren. Die Glaubwürdigkeit dieser Funktion geht zurück, wie Medieneinschätzungen zeigen. Kritik von Medien am herrschenden System und seinen Fehlentwicklungen kann zumindest in demokratisch verfassten Staaten praktiziert werden. Die Grenze zwischen Information und Manipulation durch Medien muss das Individuum finden. Politisch bildender Unterricht kann im Sinne der Entwicklung von politischer Mündigkeit dazu seinen Beitrag leisten.

Methodisch-didaktische Vorbemerkungen

Das Medienverhalten von SchülerInnen in Kombination mit Mediengeschichte eignet sich als Themenstellung für den kompetenzorientierten Politikunterricht für alle Schulstufen sowie für den fächerübergreifenden und projektorientierten Unterricht. Die didaktischen Prinzipien politischer Bildung wie Lebensweltorientierung, Multiperspektivität, Kontroversität und Aktualität lassen sich an diesem Thema sehr gut anwenden. Das Unterrichtsprinzip der Medienerziehung und die übergeordnete Medienkompetenz stehen im Mittelpunkt der methodisch-didaktischen Umsetzung. Sachkompetenz soll an Begriffen wie Telekratie, -> digital natives oder -> Massenmedien entwickelt werden. Das Beispiel „Öffentlichkeit“ eignet sich dabei hervorragend, um die Idee von Basiskonzepten in der politischen Bildung umzusetzen.4 Funktionen von Medien, Spielregeln der Medien, Typen der Mediennutzung, Interessen von Medien- produzentInnen und ein Analyseset zur Medienbeobachtung (M4) werden als Arbeitswissen zur Verfügung gestellt und/oder entwickelt?

Unterrichtsbeispiel 1

Warum denke ich, was ich denke? Der Anteil der Mediennutzung zwischen Information und Manipulation

Arbeitsaufgabe 1
Beschreiben Sie Ihre persönliche Mediennutzung in einem kleinen Aufsatz (auch fächerübergreifend mit Deutsch) zunächst als Einzelarbeit. Erläutern Sie darin Ihr Medienverhalten hinsichtlich der benutzten Medien, der Nutzungsdauer und Ihrer Motivation nach bestimmten Formen von Mediennutzung. Vergleichen Sie Ihre Ergebnisse zunächst in PartnerInnenarbeit und anschließend in Gruppenarbeit.
Sekundarstufe I und II. Die einzelnen Unterrichtsbeispiele lassen sich zum Teil für beide Sekundarstufen verwenden, wobei freilich qualitativ unterschiedliche Ergebnisse zu erwarten sind.

Fragestellungen
Beantworten Sie dazu jeweils folgende Fragen

  • Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede können Sie erkennen?

  • Gibt es KritikerInnen Ihres Medienverhaltens?

  • Können Sie die Kritik nachvollziehen?

  • Wenn ja/nein – warum/warum nicht?

  • Was war überraschend für Sie?

  • Können Sie Ihr persönliches Medienverhalten den unterschiedlichen Typen von Mediennutzung zuordnen?

Arbeitsaufgabe 2
Beeinflussung durch Medien: Warum denke ich, was ich denke?
Einstellungen und Meinungen werden durch persönliche Erfahrungen, die persönliche und politische Umwelt und damit vor allem durch den medialen Einfluss geprägt. Man spricht von der Sozialisation des Individuums und verbindet damit die Vorstellung, „dass die gesellschaftlichen Verhältnisse, in denen Menschen aufwachsen und leben, ihre Kompetenz- und Persönlichkeitsentwicklung nachhaltig beeinflussen“5

Einzelarbeit
1) Überlegen Sie, welche Meinungen und Positionen Sie zu den Themenfeldern in der Tabelle M3 von „Familie“ bis „Freizeit“ haben. Notieren Sie in Einzelarbeit jeweils zwei dieser Meinungen in der Tabelle M3. Es gibt kein „richtig“ und kein „falsch“. In der Spalte Sozialisation notieren Sie Vermutungen darüber, wer oder was Sie in diesem Prozess der Meinungsbildung beeinflusst haben könnte. Beispiele können sein: Familie, Bekannte, Freunde, Reisen, Filme, Bücher, Dokumentationen, diverse Medien.

PartnerInnen- und Gruppenarbeit
2) Vergleichen Sie Ihre Ergebnisse der Einzelarbeit zunächst in PartnerInnenarbeit und anschließend in Gruppenarbeit und beantworten Sie folgende Fragen:

  • Wo gibt es Übereinstimmungen?

  • Wo liegen Differenzen vor?

  • Warum vertreten andere SchülerInnen gleiche, ähnliche oder gegensätzliche Meinungen und Positionen?

  • Welche Ursachen im Rahmen der Sozialisation werden genannt?

  • Welche Bedeutung spielen dabei Medien?

Präsentation
3) Je nach Klassengröße werden zu ausgewählten Themen Kleingruppen gebildet. Jede Gruppe gestaltet zu ihrem Thema ein Plakat mit allen Positionen und Meinungen, die dazu in der Klasse geäußert wurden. In der Präsentationsphase werden 3 bis 4 Beispiele in der Klasse vorgestellt.

Reflexionsphase
4) In der Reflexion vor der ganzen Klasse sollen mögliche Formen der Beeinflussung und/ oder Manipulation vor allem der Medien unter Anleitung des Lehrers/der Lehrerin thematisiert werden. Was bedeuten unter dieser Perspektive „Bildung“ und „Urteilsfähigkeit“ für Sie?

Arbeitsaufgabe 3
Semantisches differenzial: Medien zwischen Kulturpessimismus und digital natives
Das Thema Medien und ihre Nutzung durch Jugendliche ist nicht selten emotional besetzt und wird kontrovers diskutiert. Der Spannungsbogen reicht dabei von kulturpessimis- tischen Positionierungen bis hin zur Überhöhung und Bewunderung einer technik- und medienaffinen Jugend, die als digital natives beschrieben werden.6 Um einen Überblick in der Klasse zur Einstellung zum Thema Medien zu erhalten, eignet sich ein sogenanntes Semantisches Differenzial.

Semantisches Differential
1) Sie entwerfen zunächst Ihr eigenes Semantisches Differenzial zum kontroversen Thema Medien. Sie kreuzen dabei auf der Werteskala (M1) für jedes Begriffspaar ihre persönlichen Einschätzungen zwischen +3 und –3 an und verbinden Ihre Ergebnisse, sodass ein Gesamtprofil entsteht.

Vergleich
2) Anschließend vergleichen Sie die Ergebnisse in PartnerInnen-, dann in Gruppenarbeit. Sie diskutieren Ihre Ergebnisse und beantworten dazu folgende Fragen:

  • Warum gibt es unterschiedliche Profile unter den SchülerInnen?

  • Welche Ursachen können für die unterschiedlichen Einstellungen genannt werden?

  • Welche Bedeutung haben Freunde, Eltern, Bekannte, Medien bei der Bewertung?

  • Welchen Zusammenhang kann man zur eigenen Mediennutzung herstellen?

  • Was bedeutet dies für die Urteilsfähigkeit?

  • Welchen Sinn ergeben daher Aussagen wie: „Das ist nicht normal“, „Das ist die Wahrheit“, „Es gibt keine Alternative“, „Das ist Fakt“, ...?

Um ein Meinungsbild der gesamten Klasse anonymisiert zu erhalten, werden die einzel- nen Semantischen Differenziale in der Klasse unter den SchülerInnen mehrmals ausge- tauscht, sodass kein Schüler und keine Schülerin das eigene Ergebnis besitzt. Entlang einer gedachten Linie von –3 bis +3 stellen sich die SchülerInnen in der Klasse nach dem jeweiligen gegensätzlichen Begriffspaar auf. Ein/e SchülerIn hält die Ergebnisse fest. Welche Tendenzen sind in der Klasse zum Thema Medien erkennbar?

Nachbearbeitung
3) Follow-up:
a) Sie verteilen die semantischen Differenziale (M1) unter Ihrer Eltern- und/oder Großelterngeneration. Sie können dazu auch eine Straßenbefragung durchführen und zur Auswertung Kategorien bilden (Alter, Geschlecht, formaler Bildungsgrad, ...).
b) Sie legen diese Semantischen Differenziale in der Klasse vor. Die ausgefüllten Differenziale der jeweiligen Erhebungsgruppen werden in der Klasse unter den SchülerInnen ausgetauscht und die Meinungsbilder entlang der gedachten Linie von +3 bis –3 ein- geholt. Im Vergleich werden die unterschiedlichen Positionen der Generationen und anderer Erhebungsgruppen sichtbar werden.
c) Sie können eine Zuordnung zu den unterschiedlichen Typen der Mediennutzung vornehmen. Welche Aussagen im Sinne empirischer Sozialforschung zum Thema Medien können getätigt werden

Arbeitsaufgabe 4
Vergleich
Nach der Bearbeitung der Teilaufgaben A1, A2 und A3 vergleichen Sie die Ergebnisse von A2 und A3. Fassen Sie die gewonnenen Erkenntnisse über das Mediennutzungsverhalten der untersuchten Gruppen in einem Artikel für ein fiktives Medienportal zusammen.

Unterrichtsbeispiel 2

Streiten lernen – mit Medienbegriffen die Medienwelt begreifen (Sachkompetenz)
Seit dem Beutelsbacher Konsens7 gilt das Kontroversitätsprinzip als wesentliche Leitlinie für den Politikunterricht. Was daher in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft kontrovers ist, muss auch im politisch bildenden Unterricht kontrovers dargestellt und diskutiert werden. SchülerInnen sollen dabei lernen, dass Konflikt und Kontroversität wesentliche Kerneigenschaften des Politischen sind und es zumindest in demokratischen Systemen durch Wahlen und unterschiedliche Formen der Mitbestimmung und Konsensfindung zur Herstellung von verbindlichen Regeln kommt. Die Etablierung einer konstruktiven Streitkultur sollte daher Ziel von politisch bildendem Unterricht sein. Um sachlich argumentieren zu können, sind aber Sachkenntnisse die Voraussetzung.

Arbeitsaufgabe 1
Recherche
1) Die SchülerInnen recherchieren zur Festigung von Sachkompetenz für den Bereich Medien unter Angabe der Internetquellen die in M2 fett gedruckten Begriffe und erstellen dazu ein Glossar. Dafür kann die Wikiplattform www.polipedia.at verwendet werden.

Beurteilung und Diskussion
2) Anschließend bewerten sie die in M2 formulierten Aussagen zu den Medien zunächst in Einzelarbeit (von „Stimme absolut nicht zu“ bis „Stimme absolut zu“) und diskutieren die Ergebnisse in der Klasse in Form einer offenen Diskussion unter Anleitung der Lehrerin/des Lehrers. Zur Beantwortung folgender Fragen werden von dem/der LehrerIn DiskussionsbeobachterInnen bestimmt.

Fragen

  • Ist Kontroversität erwünscht?

  • Welche Aussagen werden dabei besonders kontrovers diskutiert?

  • Welche Argumente werden angeführt?

  • Wie überzeugend sind die Argumente?

  • Welche Ursachen können dafür genannt werden?

Unterrichtsbeispiel 3

Medien und Politik – Vergleich von Medien: ORF, ATV, ZDF, RTL, CNN

Unterrichtsbeispiel 4

Szenariotechnik - Neue Medien und Partizipation

1 http://www.bmukk.gv.at/medienpool/5796/medienerziehung.pdf
2 Vgl. Hellmuth, Thomas/Klepp, Cornelia: Politische Bildung. Geschichte Modelle Praxisbeispiele. Wien–Köln–Weimar 2010,S. 276f.
3 Vgl. 29_basis.pdf
4 Sander, Wolfgang: Politik entdecken – Freiheit leben. Schwalbach/Ts., 2008
5 Veith, Hermann: Sozialisation. München 2008, S. 7
6 Vgl. http://www.marcprensky.com
7 http://www.bpb.de/die-bpb/51310/beutelsbacher-konsens

Materialien und kopierfähige Vorlagen

Arbeitswissen Funktionen von Medien
Arbeitswissen Spielregeln der Medien
Arbeitswissen Typen von Mediennutzung (Auswahl)
Arbeitswissen Interessen von Medienproduzenten
M1 Medien sind...
M2 Medienbegriffe begreifen
M3 Analyse von Themenfeldern
M4 Analyseset zur Medienbeobachtung
M4 [PDF pdfs/34germ_m5.pdf nicht gefunden!]

UNTERRICHTSBEISPIEL: Klarmachen zum Ändern? Der Streit zwischen NetzpiratInnen und UrheberInnen, Medien und Politik
Schulstufe

8. Schulstufe und Sekundarstufe II

Lehrplanbezug

Lehrplanbezug im AHS-Bereich
„Da das alltägliche Leben von politischen Entscheidungen und Kontroversen beeinflusst wird, soll Politische Bildung einerseits zu einer selbstständigen, begründeten und möglichst sach- und wertorientierten Beurteilung politischer Entscheidungen, Probleme und Kontroversen befähigen und es andererseits schrittweise ermöglichen, sich selbst (Teil-) Urteile zu bilden und zu formulieren. /.../
Der Unterricht soll die Bereitschaft und Fähigkeit zu politischem Handeln fördern. Dazu ist es erforderlich, eigene Positionen zu artikulieren, Positionen anderer zu verstehen und aufzugreifen sowie an der gemeinsamen Entwicklung von Lösungen mitzuwirken. Diese für politisches Handeln zentralen Fähigkeiten sind anhand konkreter Beispiele, etwa durch Simulationsspiele und im Rahmen der Einrichtungen der Schuldemokratie, zu vermitteln. /.../ Im besonderen Maße ist hierbei von der Erlebnis- und Erfahrungswelt der Schülerinnen und Schüler auszugehen.“1

Kompetenzen
  • Urteilskompetenz, Handlungskompetenz

Zentrale Fragestellungen
  • Welcher Konflikt besteht zwischen den ProduzentInnen digitaler Inhalte und den NutzerInnen?

  • Wie könnte dieser Konflikt gelöst werden?

Annäherung an das Thema

In der europäischen Netzpolitik ist derzeit das Thema „Urheberrecht“ Gegenstand hitziger Debatten. Die Urheberrechtsdebatte, die seit dem Frühjahr 2012 in Deutschland vehement geführt wird, bietet sich als Anlassfall für eine Konfliktanalyse im Unterricht an, da sie die Erfahrungswelt vieler SchülerInnen und ihre Interessen unmittelbar berührt. Das Mediennutzungsverhalten der digital natives (Personen, die mit digitalen Technologien wie Computern, dem Internet, Mobiltelefonen und MP3-Player aufgewachsen sind) konfligiert bekanntlich bisweilen mit den rechtlichen Rahmenbedingungen, die das althergebrachte Urheberrecht vorsieht. Vor allem Filme werden – wie man es vom Fernsehen her kennt – mittlerweile zu einem nicht unerheblichen Teil als Streams (z.B. bei YouTube.com) konsumiert oder heruntergeladen, ebenso Musikalben, E-Books, TV-Serien und Hörbucher.2 Der Harvard-Ökonom Felix-Oberholzer-Gee schätzt, dass heutige Jugendliche „in der Regel mehr urheberrechtlich geschützte Musik heruntergeladen als gekauft“ haben.3
Für Jugendliche wie Erwachsene ist das Thema Filesharing (Kopieren digitaler Inhalte) auch deshalb von Interesse, weil kaum klare Grenzen definiert sind: Wo endet der legale, wo beginnt der illegale Raum? Welche Musikdateien darf ich auf welcher Plattform in welcher Form konsumieren? Darf ich fremde Textfragmente oder Bilder in einer eigenen Arbeit oder auf meiner eigenen Homepage verwenden? Darf ich Filme mit fremder Musik unterlegen oder mit fremden Filmszenen mischen? Darf ich Kopien meiner Mediendateien machen, darf ich sie jemandem leihen, darf ich sie verkaufen? Darf ich Konzerte mitschneiden? Darf ich Musik aus Internetradios aufnehmen? Fragen dieser Art sind juristisch derzeit nur schwer beantwortbar, da ausjudizierte Fallbeispiele in Österreich fehlen – viel ist daher die Rede vom „Graubereich“, in dem sich Filesharing abspielt. Im Zentrum des Unterrichtsbeispiels stehen daher nicht die rechtlichen Fragestellungen zum Ist-Zustand, sondern die politischen zum Soll-Zustand.

Methodisch-didaktische Hinweise

Das Unterrichtsbeispiel bezieht sich auf den Streit um das Urheberrecht, der sich im Frühjahr 2012 mit den Erfolgen der deutschen Piratenpartei und den heftigen Protesten gegen das internationale Handelsabkommen ACTA (mit dem geistiges Eigentum besser geschützt werden soll) verschärft hat.
Um den Konflikt einordnen zu können, werden zunächst die Konfliktparteien (UrheberInnen/VerwerterInnen und NutzerInnen) und ihre Interessen herausgearbeitet. Anschließend wird in Form einer erweiterten Konfliktanalyse4 der aktuelle Streit rund um Internetpiraterie und Urheberrecht erfasst. Im letzten Schritt wird nach Lösungen für den Konflikt gesucht. Das Unterrichtsbeispiel benötigt, sofern zur Gänze umgesetzt, etwa zwei Unterrichtseinheiten, es können aber auch einzelne Schritte (Einstieg, Stellungnahmen) entfallen.

Unterrichtsbeispiel

Vorbereitung und Einstieg
Für die Konfliktanalyse günstig erscheint bei diesem Thema ein Einstieg, der an den Alltag und an die Lebenswelt der SchülerInnen anknüpft. Hierfür eignete sich beispielsweise die Vorführung verschiedener Medieninhalte in Verbindung mit der Frage, welche Umgangsweisen mit diesen Inhalten wohl erlaubt sind und welche nicht, Zeitungsberichte über hohe Strafzahlungen wegen illegalen Filesharings (etwa der Fall eines österreichischen Schülers, der 2011 wegen des illegalen Teilens von Film- und Musikinhalten auf seiner Website eine Entschädigung von 50.000 Euro zahlen musste)5 oder Kuriosa wie die aktuelle Meldung, dass in Kanada bei Hochzeiten künftig Gebühren für das Abspielen von kommerziellen Musiktiteln eingehoben werden sollen (tanzen die Festgäste zur Musik, werden die Gebühren verdoppelt).6

Die hier vorgestellte Möglichkeit zielt darauf ab, die persönliche Mediennutzung der SchülerInnen, ihre Einstellung zur Legalität und ihr Wissen über die die rechtliche Situation zu thematisieren und in Form einer Umfrage (siehe Fragebogen M1) zu erheben. Um Befangenheit zu vermeiden und möglichst ehrliche Antworten zu erhalten, geben die SchülerInnen nicht über sich selbst Auskunft, sondern erhalten zur Stundenvorbereitung die Hausaufgabe, eine anonyme Umfrage unter mindestens zwei anderen SchülerInnen an ihrer Schule (nicht aus derselben Klasse) durchzuführen.
Die Ergebnisse werden im Plenum gesammelt, gemeinsam ausgewertet und besprochen. Sie offenbaren erfahrungsgemäß, dass ein nicht geringer Teil der SchülerInnen Inhalte illegal konsumiert/verarbeitet und ein großer Teil sich über die rechtliche Situation schlecht informiert sieht.
Zudem wird gemeinsam der Vorwissensstand der SchülerInnen erhoben: Was ist über das Thema Filesharing bekannt, was wird vermutet? Das Arbeitswissen „Urheberrecht und Filesharing“ dient dazu, einige Grundbegriffe zu erläutern.

Erste Stellungnahme
Auf Basis ihres Wissensstandes und der eigenen Erfahrungen werden die SchülerInnen um eine erste Stellungnahme gebeten, bei der folgende Fragen im Zentrum stehen: Soll das Urheberrecht geändert werden? Wie soll künftig vorgegangen werden? Vorschläge für Antwortmöglichkeiten sind:7

  • Es sollte ganz abgeschafft werden, da es nicht mehr zu unseren medialen Gewohnheiten passt.

  • Es sollte schon beibehalten werden, aber Filesharing soll generell legalisiert werden.

  • Es soll alles genau so bleiben, wie es ist.

  • Eine Reform des Urheberrechts ist notwendig, Filesharing soll verboten bleiben.

  • Eine Reform des Urheberrechts ist notwendig, Filesharing soll legalisiert werden.

  • Urheberrechtsverletzungen im Netz sollen strenger verfolgt werden.

Die Ergebnisse werden gesammelt und festgehalten. Da jede der Antwortmöglichkeit in der Stellungnahme unterschiedliche Interessen verletzt bzw. fördert, werden bei jeder Lösung auch gemeinsam die Vor- und Nachteile für die Betroffenen herausgearbeitet:
Erläutere bei jeder Lösung, inwiefern sie sich positiv oder negativ auswirken würde auf die Interessen von a) UrheberInnen und VerwerterInnen und b) NutzerInnen.

Problematisierung
Im zweiten Schritt wird das Blickfeld von der eigenen Lebenswelt auf den Interessenskonflikt UrheberInnen–KonsumentInnen erweitert. Die SchülerInnen kennen die Sichtweise der NutzerInnen aus der eigenen Erfahrung, nun setzen sie sich zusätzlich mit der Sichtweise der Produktionsseite auseinander. Das Arbeitswissen „Auswirkungen von Filesharing“ erläutert den zentralen Konflikt, die drei Berichte von Musikschaffenden im Material M2 werden durch Arbeitsfragen erschlossen.

Konfrontation und Konfliktanalyse
Im nächsten Schritt wird der eigentliche politische Konflikt, der aktuelle Urheberrechtsstreit in Deutschland, analysiert. Auf der Basis des Arbeitswissens „Der deutsche Urheberrechtsstreit im Frühjahr 2012“ sowie der Manifeste der beiden Kampagnen (Materialien M3 und M4 ) analysieren die SchülerInnen in Partnerarbeit den Konflikt. Dabei orientieren sie sich an folgenden Leitfragen:

  • Wer streitet mit wem?

  • Worum geht es in diesem Konflikt konkret?

  • Wer hat welches Interesse?

  • Welche Argumente werden angeführt?

  • Wer hat welche Möglichkeiten, sich durchzusetzen?.

Zweite Stellungnahme
Die SchülerInnen werden nach dieser Intervention erneut um eine Stellungnahme zu einer möglichen Reform des Urheberrechts gebeten. Dabei findet die gleiche Frage und die gleichen Antwortmöglichkeiten Verwendung wie in der ersten Stellungnahme. Sind zwischen den beiden Meinungsbildern signifikante Unterschiede feststellbar, wird gemeinsam erörtert, inwiefern sich die Meinungen durch die Auseinandersetzung mit den Sichtweisen und Argumenten der Konfliktparteien geändert haben.

Erarbeitung und Diskussion von Lösungsvorschlägen
Im letzten Schritt wird versucht, konstruktiv politische Lösungen zu suchen, die alle am Konflikt Beteiligten zufriedenstellen könnten. Dazu erarbeiten die SchülerInnen in Gruppenarbeit (4 Gruppenmitglieder) eine gemeinsame Position, indem sie ein Meinungsblatt8 erstellen:
a) Ein Flipchartbogen wird in fünf Felder geteilt, wovon sich eines zentral in der Mitte befindet:
b) Jede Schülerin/jeder Schüler schreibt ihren/seinen Lösungsansatz in eines der Felder am Rand.
c) Sind alle fertig, rotiert das Blatt, bis alle SchülerInnen alle Lösungsansätze gelesen haben.
d) Anschließend wird diskutiert, wie das Feld in der Mitte gefüllt werden kann. Wenn die Lösungsansätze recht ähnlich sind, findet sich wahrscheinlich eine gemeinsame Position, sind sie zu unterschiedlich, werden die Unterschiede herausgestrichen.
Die Ergebnisse jeder Gruppe werden abschließend im Plenum vorgestellt und diskutiert. Als Denkanstöße können einige der gegenwärtig in den Medien9 diskutierten Ansätze dienen:

  • Eine gesetzlich geregelte „Kulturflatrate“, bei der BesitzerInnen von Breitbandanschlüssen oder alle BürgerInnen eine fixe monatliche Zwangsabgabe leisten, soll nach einem festgelegten Schlüssel an die Kulturschaffenden verteilt werden; im Gegenzug soll Filesharing komplett legalisiert werden.

  • Werbefinanzierte Streaming-Dienste wie Spotify oder YouTube, bei denen Inhalte zum Konsum (nicht jedoch zum Download) zur Verfügung gestellt werden, könnten für NutzerInnen attraktiver als Tauschbörsen werden. Viele NutzerInnen sind auch bereit, für solche Angebote zu bezahlen.

  • Wenn für jeden Abruf eines Inhalts eine winzige Geldsumme (micropayment) entrichtet würde, käme in der Summe ausreichend Geld zusammen.

  • Die Verwertungsrechte werden ersatzlos abgeschafft, Kunstschaffende finanzieren sich ausschließlich über Zusatzprodukte (Konzerte, Serviceleistungen, Onlinechats, edle Sammler-Editionen etc.) und Spenden von Fans, die Inhalte werden freigegeben.

  • Die generelle Senkung der Preise, ein breiteres Angebot und der Verzicht auf einschränkende Kopierschutzmaßnahmen in Online-Stores könnten legale Angebote attraktiver machen

  • Neue Techniken im Bereich der Kopierschutzmaßnahmen könnten eine unerlaubte Nutzung besser verhindern – die Computerspielbranche hat auf diesem Gebiet bereits erhebliche Fortschritte erzielt.

  • Härtere Strafen für Urheberrechtsverletzungen (Abmahnungen, Internetentzug) könnten NutzerInnen vom Konsum illegaler Angebote stärker abschrecken.

1 Lehrplan Geschichte und Sozialkunde/Politische Bildung, Lehrplan 1999/Novellierung 2008, Bundesgesetzblatt II N2. 290/2008
2 Vgl. Ergebnisse der Gfk-Untersuchung „Digitale Content-Nut- zung“, zitiert in: Verbände fordern Warnhinweise, in: Frankfur- ter Allgemeine Zeitung, Frankfurt 30.8.2011, http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/illegale-downloads-verbaende-fordern-warnhinweise-11128118.html
3 „Vergessen wir das Urheberrecht“, Interview mit Felix Oberholzer-Gee, in: 20Minuten online, 1.7.2010, 27567383
4 Erweitert ist die Konfliktanalyse hier insofern, als sie die gängige methodische Vorgehensweise, wie sie etwa Sibylle Reinhardt und Hermann Giesecke vorschlagen. Reinhardt, Sybille: Politik-Didaktik. Praxishandbuch für die Sekundarstufe I und II. Berlin 2005, S. 86–92 und Giesecke, Hermann: Didaktik der politischen Bildung. München 1972, S. 181f.
5 Vgl. Tiroler Tageszeitung, Onlineausgabe vom Di, 02.08.2011, http://www.tt.com/Nachrichten/3148702-2/illegale-downloads-kärntner-schüler-muss-50.000-euro-zahlen.csp
6 Kanada: Gebühren für kommerzielle Musik auf Hochzeiten, in: derstandard.at, 4.6.2012, http://derstandard.at/1338558612753/Copyrights-Kanada-Gebuehren-fuer-kommerzielle-Musik-auf-Hochzeiten
7 Die Antwortmöglichkeiten orientieren sich an einer Befragung von SpiegelOnline vom Mai/Juni 2012. Dort wurde die Antwort „Das Urheberrecht muss reformiert, Filesharing legalisiert werden“ von 47 % der UserInnen und damit – mit weitem Abstand – am häufigsten gegeben. 15.5.2012; Stand: 09.06.2012, 14:20 Uhr, Beteiligung: 3.350

Materialien und kopierfähige Vorlagen

Arbeitswissen Urheberrecht und Filesharing
Arbeitswissen Auswirkungen von Filesharing
Arbeitswissen Der deutsche Urheberrechtsstreit im Frühjahr 2012
M1 Fragebogen zur persönlichen Mediennutzung
M2 Filesharing aus der Sicht dreier Musiker
M3 Manifest "Wir sind die Urheber"
M4 Manifest "Wir sind die BürgerInnen und Bürger"]

UNTERRICHTSBEISPIEL: Social Media - ein Lernfeld für die Schule?
Schulstufe

Sekundarstufe I

Lehrplanbezug

Medienkompetenz findet im Lehrplan der AHS-Unterstufe seinen Niederschlag: „Schülerinnen und Schüler sind in zunehmendem Ausmaß zu befähigen, adäquate Recherchestrategien anzuwenden und Schulbibliotheken, öffentliche Bibliotheken sowie andere Informationssysteme real und virtuell zur selbstständigen Erarbeitung von Themen in allen Gegenständen zu nutzen. /.../ Bei der Informationserstellung ist der Einsatz des Computers, insbesondere die Anwendung des Internets zu fördern.“1
Lehrstoff Geschichte, Sozialkunde und Politische Bildung 4. Jahrgang: „Medien und deren Auswirkung auf das Politische; Manifestationen des Politischen (mediale Berichterstattung, politische Inszenierungen, Wahlwerbung). Demokratie und Möglichkeiten ihrer Weiterentwicklung (Formen der Mitbestimmung, e-democracy); Zukunftschancen im Spannungsfeld zwischen persönlichen und gesellschaftlichen Anliegen.“2


1 Lehrplan der AHS-Unterstufe, abrufbar unter http://www.bmukk.gv.at/medienpool/11668/11668.pdf
2 Lehrplan „Geschichte und Sozialkunde/Politische Bildung“ für die AHS-Unterstufe, abrufbar unter http://www.bmukk.gv.at/medienpool/786/ahs11.pdf

Kompetenzen
  • Medien-, Methoden-, Sach- und Urteilskompetenz

  • Durch die Beschäftigung mit dem Thema „Medien“ mittels der vorliegenden Unterrichtsbeispiele soll die Entwicklung von tatsächlicher Handlungskompetenz forciert werden.

Zentrale Fragestellungen
  • Wie beeinflusst der Medienkonsum mein politisches Bewusstsein?

  • Wie können SchülerInnen die Manipulationsmacht von Medien erkennen lernen?

  • Welche analytischen Fähigkeiten sind zur kritischen Reflexion der Wirksamkeit von Medien erforderlich?

  • Wie kann bewusstes Medienhandeln und bewusste Mediennutzung entwickelt werden?

  • Wie können Neue Medien zur politischen Partizipation beitragen?

Annäherung an das Thema

Die repräsentative Demokratie ist stark von den traditionellen Medien geprägt. Politik und auch das Verständnis von Demokratie werden sich durch die Möglichkeiten der Kommunikation many-to-many stark verändern. Die Möglichkeiten der direkten Demokratie werden mit den Social Media steigen, gleichzeitig schaffen die Neuen Medien auch mehr Möglichkeiten für populistische Manipulation. Die tatsächlichen Auswirkungen sind heute noch nicht absehbar, doch kommt der Schule und der Ausbildung von Medienkompetenz in Bezug auf Social Media hier eine entscheidende Bedeutung zu. Kritikfähigkeit und das nötige Wissen, um Manipulation zu durchschauen, werden als wesentliche Ziele in der Medienerziehung wichtig bleiben. Die Kompetenz, selbst Beiträge zu schaffen, um in der eigenen Community Werte zu vermitteln und Politik zu machen, kommt als neues Ziel dazu.
Aus Statistiken3 ist zu erkennen, dass die Nutzung des Internets und des Social Web für immer Jüngere zur Selbstverständlichkeit wird. Bei den unter 30-Jährigen ist das Internet heute das wichtigste Informationsmedium, Zeitungen und Fernsehkonsum sind rückläufig, vor allem wird die Konvergenz (das Zusammenwachsen verschiedener Dienste und Inhalte) der Neuen Medien genutzt. Social communities beherrschen die Mediennutzung von Jugendlichen. Sie bewegen sich darin um ein Vielfaches häufiger als Erwachsene. Jugendliche nutzen Foren für drei zentrale Handlungskomponenten: Identitätsmanagement, Beziehungsmanagement und Informationsmanagement.4
Was Informationen und Informationsweitergabe betrifft, wird Web 2.0 von Jugendlichen noch weniger genutzt. Tatsächlich sind es meist nur einige wenige, die die Möglichkeiten zur Mobilisierung im Netz nutzen und damit auch die Richtung bestimmen.
In erster Linie geht es bei der Mediennutzung um die Selbstdarstellung, das Erstellen eines Profils, das möglichst vorteilhafte Eigenschaften des Users/der Userin vermittelt. In Bezug auf Beziehungen ist das Aufbauen eines Netzwerks, einer Community, ein klares Ziel. Möglichst viele Freunde bzw. eine Community der Gleichgesinnten zu haben, ist wichtig. Der Aufbau von Netzwerken ist aber auch sonst in der heutigen Gesellschaft eine ganz wichtige Handlungsfähigkeit.
Bei den jüngeren NutzerInnen wird vor allem Netlog gewählt, während die Älteren auf Facebook umsteigen. Andere Social-Web-Angebote wie YouTube als Video-Plattform und MySpace werden ebenfalls sehr stark genutzt. Wikipedia und Google als Nachschlagewerk sind die Favoriten für Recherchen – obwohl das eine als von den UserInnen zu ergänzendes Nachschlagewerk und das andere als Suchmaschine definiert wird.
Die digital natives sind zwar technisch zum Großteil sehr versiert, bestimmte mit dem Internet verbundene Gefahren sind den digital immigrants, also den älteren, viel stärker bewusst. Hier sollte ein viel besserer Austausch stattfinden. Eine Gefahr, die bei der Beteiligung über soziale Netzwerke auftreten kann, ist die Verletzung des Datenschutzes. Natürlich muss Jugendlichen klargemacht werden, dass es in ihrer persönlichen Verantwortung liegt, der Öffentlichkeit Daten zur VerfÜgung zu stellen. Sollten aber der Datenschutz verletzt und ohne Erlaubnis Daten und auch Fotos verÖffentlicht werden, so ist das eine Verletzung der Grund- und Menschenrechte und kann geahndet werden.
Die Europäische Grundrechte-Charta, die seit 2009 fÜr die gesamte EU verbindlich ist, erklärt in Artikel acht das Recht auf den Schutz personenbezogener Daten. In Österreich wurde mit §1 Datenschutzgesetz 2000 der grundlegende menschenrechtliche Anspruch auf Datenschutz im Verfassungsrang verankert.5 Die bestehenden Menschen- und Grundrechte müssen sicherlich in Zukunft noch um weitere gesetzliche Bestimmungen die digitalen Medien betreffend erweitert werden.

3 Zum Beispiel: Hans-Bredow-Institut (Hrsg.): Risiken & Sicherheit im Internet. Befunde einer empirischen Untersuchung zur Onlinenutzung von Kindern und Jugendlichen. Januar 2011, Download der pdf-Datei unter www.eukidsonline.de möglich; Großegger, Beate: Dossier 2011: Jugend in der Mediengesellschaft. Wien 2011, Download unter http://www.jugendkultur.at/downloads_KURZ.html möglich.
4 Heranwachsen mit dem Social Web. Zur Rolle von Web-2.0-Angeboten im Alltag von Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Hamburg–Salzburg 2009, S. 3
5 Leben und lernen in der digitalen Welt, in: Polis Nr. 8. 2011, S. 11

Unterrichtsbeispiel 1

Erst denken - dann klicken!

Ziel
Die SchülerInnen sollen problematischen Internetgebrauch erkennen.

Materialien
Arbeitsblätter mit Fallbeispielen (M1 bis M4)

Ablauf
1. Die Klasse wird mittels Durchzählen nach dem Zufallsprinzip in vier Dreier- oder Vierergruppen eingeteilt.
2. Jede Gruppe erhält ein Fallbeispiel. Die Gruppe soll einschätzen, ob der beschriebene Internetgebrauch problematisch ist, und ihre Meinung entsprechend begründen.
3. Danach erfolgt eine gemeinsame Reflexion entlang folgender Fragen:

  • Findet ihr die beschriebenen Beispiele realistisch?

  • Kennt ihr solche Beispiele aus dem eigenen Bekanntenkreis?

  • Wie kann man das Internetverhalten verbessern?

Unterrichtsbeispiel 2

Zukunft Facebookratie?

Ziel
SchülerInnen erkennen die Partizipationsmöglichkeiten im politischen Bereich durch Web 2.0 und reflektieren die Bedeutung dieser Netzwerke für die Demokratie. Sie entwickeln Szenarien für die Zukunft.

Methode
Zukunftswerkstatt6 („So sehr Zukunft auch beunruhigen mag, das Ziel politischer Bildung ist der verantwortbare Umgang mit den Ängsten durch aufgeklärtes Handeln.“7)

Ablauf

  1. Brainstorming zum Thema e-democracy. Die SchülerInnen erklären, was sie darunter verstehen, und diskutieren anschließend über unterschiedliche Vorstellungen.

  2. Die Gruppe sitzt in einem Sesselkreis. Jede/r schreibt auf einen großen Zettel den Hauptkritikpunkt, den er/sie in der Zukunft für e-democracy sieht.

    • Fragestellung: Was bereitet dir Sorgen für die Zukunft der Demokratie? (Eventuell sind als Impulstexte „Die schöne neue Info-Welt der Digital Natives“8 und „Auf den Punkt gebracht“9 möglich.)

  3. Die Zettel werden geclustert, die Hauptsorgen werden identifiziert und gemeinsam besprochen.

  4. Die SchülerInnen werden jeweils zu dritt oder viert in Gruppen eingeteilt und sollen

    • Zukunftsszenen, also kleine Rollenspiele, entwickeln, die eine positive Utopie darstellen und das Rollenspiel einüben: "Die Demokratie der Zukunft schafft wirkliche Partizipation".
      Es ist keine Kritik an den Ideen der Zukunft erlaubt, allgemein soll eine positive Stimmung entstehen, in der aus den Zwängen der Gegenwart zu einer positiven Zukunft geführt wird. (Eventuell als Impulstexte möglich:
      „Die Zeit“-Artikel: „Soziale Netzwerke – Facebookratie“10 „Die Zeit“-Artikel: „E-Demokratie – mitreden, nicht nur die Stimme abgeben“11)

    • Entwickeln von kleinen Schritten in die Zukunft Wie können die schönen Fantasien einer Miteinbeziehung aller in politische Entscheidungsprozesse konkret mit den Neuen Medien begonnen werden? Die ersten Schritte können auch auf die Schule bezogen werden (z.B. Mitbestimmung bei Exkursionen oder Projekten via Moodle12). Die Ideen werden aufgeschrieben. Die Zukunftsszenen werden aufgeführt und anschließend die Vorschläge der einzelnen Gruppen vorgestellt. Die Ideen aller Gruppen werden geclustert und auf ein Plakat geschrieben.

  5. Danach erfolgt eine gemeinsame Reflexion entlang folgender Fragen:

    • Was hat die Zukunftswerkstatt gebracht?

    • Welche Gefahren wurden bewusst?

    • Wo liegen die großen Möglichkeiten?

    • Was muss die Schule an vorbereitender Unterstützung bieten, damit Jugendliche für die E-Demokratie gerüstet sind?

6 Entwickelt nach Reinhardt, Sibylle: Politikdidaktik, Praxishandbuch für Sekundarstufe I und II. Berlin 2010, S. 140–141
7 Ebd., S. 135
8 Kucharz, Jannis in Huber, Melanie: Kommunikation im Web 2.0. Twitter, Facebook und Co (2. überarbeitete Auflage). Konstanz 2010, S 187 f., zitiert nach Großegger, Mediengesellschaft, S. 17–18, abrufbar unter http://www.jugendkultur.at/Jugend_in_der_Mediengesellschaft.pdf
9 Ebd., S. 18–19
10 http://www.zeit.de/2011/11/Soziale-Netzwerke-Demokratie
11 http://www.zeit.de/digital/internet/2011-05/internet-proteste-demokratie
12 Moodle ist eine Lernplattform, die von allen österreichischen Schulen und Bildungsinstitutionen eingesetzt werden kann, ohne selbst einen Moodle-Server betreiben zu müssen. Nähere Infos unter: http://www.edumoodle.at/moodle

Materialien und kopierfähige Vorlagen

Infokasten [PDF pdfs/35ecker_k1.pdf nicht gefunden!]
Infokasten [PDF pdfs/35ecker_k2.pdf nicht gefunden!]
M1 Fallbeispiel "Iris, 13 Jahre"
M2 Fallbeispiel "Christian, 16 Jahre"
M3 Fallbeispiel "Andrea, 14 Jahre"
M4 Fallbeispiel "Matthias, 14 Jahre"

UNTERRICHTSBEISPIEL: Politischer Online-Aktivismus
Schulstufe

Sekundarstufe II

Lehrplanbezug

Motivationen und Möglichkeiten politischer Beteiligungs-, Entscheidungs-und Konfliktlösungsprozesse; 8. Klasse: Rolle der Medien zwischen Politik, Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft (Medienpolitik, Medienstrukturen; Neue Medien; Cyberdemokratie); Bildungsstandards BHS: den Beitrag der Medien zur Politikgestaltung einschätzen sowie politikrelevante Medienerzeugnisse auf ihre Intentionen hin kritisch untersuchen.

Kompetenzen
  • Handlungskompetenz, Urteilskompetenz

Zentrale Fragestellungen
  • Wie werden die digitalen Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) für verschiedene Protestformen genutzt, um Öffentlichkeit herzustellen?

  • Worauf muss man achten, wenn man eine Netzwerk-Kampagne erfolgreich durchführen will?

  • Wie sind Netzwerk-Kampagnen zu beurteilen? Welchen Einfluss haben sie? Welches Demokratieverständnis steht jeweils dahinter?

Methodisch-didaktische Hinweise

Das Web 2.0 eröffnet eine Vielfalt politischer Mitbestimmungsmöglichkeiten. Wenn es der politischen Bildung ein Anliegen ist, dass die SchülerInnen lernen, Interessen in Entscheidungsprozesse einzubringen und zu vertreten, dann muss sie sich auch mit den Möglichkeiten der neuen Informations- und Kommunikationstechnologien, partizipativ- demokratisch zu wirken, beschäftigen.
Dank Internet können StaatsbürgerInnen mit Verwaltungsbehörden und PolitikerInnen leichter in Kontakt treten (e-government), die „Open-Data-Bewegung“ setzt sich dafür ein, dass Regierungen Daten im Internet zugänglich machen, Enthüllungs-Plattformen wie Wiki-Leaks veröffentlichen geheime Dokumente. Schließlich haben auch die Parteien schon längst die Vorteile von Web 2.0 erkannt und nutzen sie (der erste große Wahlkampf, in dem das Internet eine wichtige Rolle spielte, war der Präsidentschaftswahlkampf von Barack Obama 2007/2008 in den USA), neue Parteien entstehen, deren zentrale Anliegen eng mit dem Web 2.0 verknüpft sind (Stichwort „Piraten“).
Alle diese Möglichkeiten sind nicht Thema dieser Unterrichtseinheit. Hier geht es um die Frage, welchen Beitrag das Web 2.0 zu zivilgesellschaftlichen Protestformen leistet bzw. leisten kann. Politischer Protest organisiert sich heute schon vielfach über Social Media wie Facebook oder Twitter. Im „Arabischen Frühling“ 2011 sprach man dem Web 2.0 einen erheblichen Einfluss zu (siehe den Beitrag von Kneuer/Demmelhuber). Inwieweit trifft dies zu? Welche Macht kommt hier dem Internet zu? Thema dieser Unterrichtseinheit sind auch Initiativen österreichischer Netz-AktivistInnen, wobei hier auch Formen des „zivilen Ungehorsams“ eine Rolle spielen. Hier stellt sich zusätzlich die Frage, welche Legitimität diese beanspruchen können.?

Unterrichtsbeispiel

Methode
Als Methode zur Beantwortung all dieser Fragen wird das Gruppenpuzzle vorgeschlagen, das nicht zu Unrecht mittlerweile weithin bekannt und beliebt ist, weil es die Stärken themengleicher wie auch themenverschiedener Gruppenarbeiten vereint und durch die Kombination der beiden deren Nachteile kompensiert. Voraussetzung ist, dass jede/r SchülerIn oder zumindest jede/r zweite einen Computerarbeitsplatz hat.
Da man nicht davon ausgehen kann, dass alle SchülerInnen mit den neuen IKT vertraut sind, sollte man zuvor das Begriffsverständnis abklären (siehe Kasten Arbeitswissen „Web 2.0“).

Ablauf

  • Als Einstieg in die Thematik sollen sich die SchülerInnen zu der Frage positionieren, welche Form des politischen Aktivismus sie bevorzugen. Dafür wird die Methode der „Raumkoordinaten“ verwendet (siehe Grafik „Typen des politischen Aktivismus“). Damit kann man schnell einen Überblick über die vorhandenen Einstellungen gewinnen. Die SchülerInnen beantworten für sich die Frage „Wo stehe ich zur Zeit?“ und erhalten Antworten auf die Frage, wo die anderen stehen.

  • Durch Vorstellung eines Koordinatensystems wird der Klassenraum in vier Quadranten geteilt; dabei belegt je eine Aussage eine Koordinate. Die vertikale Achse beschreibt die Bereitschaft, auch jenseits des Netzes politischen Protest zu äußern, die horizontale Achse die Einstellung, das bekämpfte Gegenüber eher als „FeindIn“ oder als verhandlungsfähigen Kontrahenten bzw. verhandlungsfähige Kontrahentin zu sehen.

Die Einteilung in jene vier Typen, die dieses System abdeckt, wurde nach der Studie „What kind of activist are you?“ getroffen.1
Entsprechend den Prinzipien kooperativen Lernens2 erfolgt die Aneignung in drei Arbeitsschritten:
Die Klasse wird in vier Gruppen aufgeteilt. In einer ersten Phase eignen sich die SchülerInnen individuell Wissen an, indem sie sich mit den angegebenen Materialien M1– M8 beschäftigen.
Jede Gruppe bekommt unterschiedliches Material mit unterschiedlichen Fragestellungen (siehe A1 bis A4). Die Frage für Gruppe 1 und 2 nach dem Autor oder der Autorin soll die SchülerInnen dazu anleiten, auch nach den Interessen, die hinter diesen Artikeln stehen, zu fragen und die darin vorgefundenen Meinungen nicht einfach unkritisch zu übernehmen; die Informationen erhält man durch Klick auf den Avatar, der den Autor/ die Autorin symbolisiert.
Anschließend sollen die Gruppenmitglieder ihre Ergebnisse vergleichen und pro Gruppe ein Plakat anfertigen, diese werden in der Klasse an unterschiedlichen Orten platziert.
Danach werden neue Gruppen gebildet, in denen jeweils ein Mitglied („Experte/ Expertin“) der Stammgruppen vertreten ist, um den anderen das Plakat zu erklären. Diese neue Gruppe geht wie bei einem Stationenbetrieb von Plakat zu Plakat. Da hier alle voneinander lernen sollen, wird die Motivation gefördert, sich in Gruppen einzubringen und Verantwortung zu übernehmen.

1 Neumayer, C./Svensson, J./Schoßböck, J./Banfield-Mumb, A.: What kind of activist are you? Positioning, power and identity in political online activism in Europe. CeDEM12. Proceedings of the International Conference for E-Democracy and Open Government: 165–177, Druckwerk Krems, Krems 2012. (Quelle: Bericht von Karin Krichmayr in Der Standard, 6./7. Juni 2012, S. 11)
2 „Gestützt durch die Lernpsychologie betont kooperatives Lernen zunächst die individuelle Aneignung des Unterrichtsgegenstandes, dann den Austausch über die Inhalte mit einer Partnerin/einem Partner oder in Kleingruppen, und schließlich die Präsentation im Plenum: Think, Pair, Share.“ (Adamski, Peter: Gruppenarbeit und kooperatives Lernen, in: Geschichte lernen123 (2008), 2-14, hier S. 4f.)

Arbeitsaufgaben
Arbeitsaufgabe 1 - Know-how - wie führe ich erfolgreich eine Online-Kampagne?
Lesen Sie sich den Artikel M1 „Die Kraft der Vielen koordinieren lernen“ unter folgenden Gesichtspunkten durch und machen Sie sich dazu Notizen:
a) Was sind notwendige Maßnahmen, um politische Kampagnen übers Netz erfolgreich durchzuführen?
b) Fallbeispiele: Rassismus streichen (2006), Lichterkette rund um das Parlament (2009)
c) Was hat der Autor oder die Autorin dieses Beitrags mit Online-Kampagnen zu tun?

Arbeitsaufgabe 2 - Protestaktion „unibrennt“
Lesen Sie den Artikel M2 „#unibrennt und die Pressearbeit 2.0“ unter folgenden Gesichtspunkten und machen Sie sich dazu Notizen:
a) Mit welchen Schwierigkeiten hatten die AktivistInnen von unibrennt zu kämpfen?
b) Welche Vorteile bot die Einbeziehung von Social Media?
c) Was hat der Autor, die Autorin dieses Beitrags mit Online-Kampagnen zu tun?

Arbeitsaufgabe 3 - Arabischer Frühling
Hören Sie sich das Interview M3 mit der ägyptischen Bloggerin Noha Atef an, lesen Sie die Texte M4 bis M7 und machen Sie sich dazu unter folgenden Gesichtspunkten Notizen:
a) Welche Rolle spielte das Web 2.0 für die politischen Umwälzungen im arabischen Raum? Welche unterschiedlichen Einschätzungen gibt es dazu?
b) Mit welchen Schwierigkeiten hatten die AktivistInnen zu kämpfen?

Arbeitsaufgabe 4 - „Krieg oder Cyberprotest?“
Lesen Sie den Artikel M8 „Krieg oder Cyberprotest: Was die Hacker von Anonymous wirklich wollen“ unter folgenden Gesichtspunkten und machen Sie sich dazu Notizen:
a) Welche Ziele verfolgen die HackerInnen von Anonymous?
b) Welche Motive für ihre Aktionen werden in dem Artikel genannt?
c) Mit welchen Methoden versuchen sie, ihre Anliegen umzusetzen?

Follow-up: Interview mit AnonAustria
Lesen Sie anschließend das Interview mit der österreichischen Gruppe von Anonymous (M9). Diese kündigte in einem „Kurier“-Interview weitere Attacken an, nachdem sie im Juli 2011 die Webseiten von SPÖ und FPÖ attackiert und Nutzerdaten veröffentlicht hatte. Dass dies gegen österreichische Gesetze verstößt (Strafrahmen laut „Kurier“: bis zu fünf Jahre Haft), nahmen die anonymen AngreiferInnen bewusst in Kauf. Die Interview-Fragen beantwortete die Gruppe über ihren Twitter-Account, ohne ihre Identität preiszugeben.
a) Prüfen Sie die Legitimität der Gruppe, für das „österreichische Volk“ zu handeln.
b) Charakterisieren Sie die politische Einstellung der Gruppe und nehmen Sie zum Demokratieverständnis Stellung.

Materialien und kopierfähige Vorlagen

Arbeitswissen [PDF pdfs/35tanzer_aw1.pdf nicht gefunden!]
Infokasten [PDF pdfs/35tanzer_k1.pdf nicht gefunden!]
M1 "Die Kraft der Vielen koordinieren lernen"
M2 "#unibrennt und die Pressearbeit 2.0"
M3 Audio-Beitrag zum Arabischen Frühling
M4 Der Arabische Frühling
M5 Timeline "Arabischer Frühling"
M6 Wael Ghonim: "revolution 2.0"
M7 Oliver Tanzer in "Die Furche"
M8 "Krieg oder Cyberprotest. Was die Hacker von Anonymos wirklich wollen"
M9 Interview mit AnonAustria

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