Onlineversion des Themenheftes Politische Kultur. Mit einem Schwerpunkt zu den Europawahlen

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  • Zugriff auf die Basisartikel des Heftes, die Rubrik Aus der Theorie für die Praxis sowie auf die Unterrichtsbeispiele

  • Ergänzung der Artikel durch Kästen, Tabellen und Infografiken, Materialien zum Arbeitswissen und Arbeitsaufgaben für SchülerInnen

  • Vollständige Printausgabe als Download

Die Unterrichtsbeispiele - von LehrerInnen erarbeitet und erprobt - folgen einer einheitlichen Struktur: Die Kategorien Alterstufe, Lehrplanbezug und Unterrichtsziele erlauben die schnelle Verortung des Unterrichtsbeispiels. Methodisch-didaktische Vorbemerkungen geben Hinweise auf die Umsetzung im Unterricht. Die Einstiegsmöglichkeiten ins Thema (E) sowie die Arbeitsaufgaben (A) und die Materialien und Arbeitsblätter für die SchülerInnen lassen sich als PDF-Dateien einfach downloaden.

BASISARTIKEL
Aus der THEORIE FÜR DIE PRAXIS
Für den UNTERRICHT
UNTERRICHTSBEISPIEL: Zum Wandel der politischen Kultur in der Zweiten Republik
Schulstufe

Sekundarstufe II

Lehrplanbezug

8. Klasse AHS: Das politische und rechtliche System Österreichs /…/ (Grundzüge von Verfassung, politischem System, /…/; Sozialpartnerschaft; /…/ etc.)

Politische Kompetenzen
  • Sachkompetenz: Begriffe (Konsens, Konflikt, Proporz, Sozialpartnerschaft) verstehen und über sie verfügen können

  • Methodenkompetenz: politikbezogene Daten lesen und analysieren können; einfacheren politikbezogenen Texten relevante Informationen entnehmen können

  • Handlungskompetenz: einen eigenen Standpunkt zur Rolle von Konflikt und Konsens in der Politik gewinnen

Zentrale Fragestellungen
  • Wie hat sich die politische Landschaft der Zweiten Republik verändert?

  • An welchen Merkmalen kann man einen Wandel der politischen Kultur ablesen?

  • Kann man im Wandel ein Muster erkennen?

  • Wie lässt sich dieser Wandel erklären?

Methodisch-didaktische Vorbemerkungen für LehrerInnen

Wenn aktuelle politische Vorgänge, von denen die Tagespresse voll ist, die Möglichkeit eröffnen, sich mit grundlegenden politischen Themen im Unterricht auseinanderzusetzen, dann sollte man sie nutzen. Vor, während und nach der letzten Regierungsbildung wurde bzw. wird bis heute die „Unfähigkeit“ der gewählten Parteien, zu konsensorientierten Lösungen zu gelangen, diskutiert; angesichts der Kritik am vielen „Herumstreiten“ versucht die Regierung nun Einigkeit zu demonstrieren. Das kommt einem psychologisch erklärbaren Harmoniebedürfnis zugute. Kritisiert wird mitunter eine Abgehobenheit der politischen Eliten, die im „stillen Kämmerlein“ einzig zu ihrer Machterhaltung Entscheidungen treffen, ohne dass die Bevölkerung darauf Einfluss nehmen könnte. Gerade aus demokratiepolitischer Sicht ist es nötig, diese unterschiedlichen Vorstellungen zu reflektieren, denn leicht kann diese Diskussion in die Nähe antidemokratischer Einstellungen geraten, wo dann das Parlament nur mehr als eine „Schwatzbude“ betrachtet und der Ruf nach einem starken Mann laut wird, der, im Sinne von Carl Schmitt, als Hüter staatlicher Herrschaft und über den Partikularinteressen stehend den Pluralismus unterschiedlicher Machtgruppen aufheben und dadurch das Volkswohl garantieren soll. Man kann natürlich den Schüler/die Schülerin zu einer Stellungnahme ermutigen, was er/sie zur politischen Kultur, bezogen auf das Verhalten der PolitikerInnen, meint; vermutlich wird diese aber nur am Charakter ihrer ProtagonistInnen festgemacht werden. Erst wenn man den Blickwinkel ausweitet auf die Geschichte der politischen Kultur zumindest der Zweiten Republik, auf das Spannungsfeld zwischen Konflikt und Konsens, kommen Grundzüge und Trends des politischen Systems in den Blick, die dabei helfen mögen, das tagespolitische Geschehen darin einzuordnen, zu verstehen und damit fundiert Stellung zu beziehen, also handlungsorientierte Kompetenz zu gewinnen.).

Arbeitswissen: Kurze Geschichte der politischen Kultur der Zweiten Republik
Ablauf der Unterrichtssequenz

Phase 1: Trends selbst entdecken
Wie kann man diese Vorgänge den SchülerInnen nahebringen? Eine fertige Erzählung wird weniger Chancen bieten dafür, dass sich die SchülerInnen mit verschiedenen Konfliktbewältigungsmustern auseinandersetzen, als eine handlungsorientierte Methode, bei der sie Trends selbst entdecken können. In dieser Lerneinheit soll das zunächst mit statistischem Material geschehen, das den Wandel der politischen Kultur erkennen lässt. Dabei wird auch die methodische Kompetenz geschult, die Kompetenz, Zahlen (wie sie in Massenmedien bei Gelegenheit immer wieder zitiert werden) zu interpretieren und selbstständig Schlüsse daraus zu ziehen.
Phase 2: Wandel analysieren
In einem zweiten Durchgang sollen die SchülerInnen diesen Wandel analysieren und bewerten. Da hierfür kurze Ausschnitte aus diversen Quellen verwendet wurden, muss sich der/die Lehrende darauf einstellen, hier mit Erklärungen bei Bedarf zur Verfügung zu stehen.
Phase 3: Diskussion im Plenum
Als Abschluss der Lerneinheit kann die Ausgangsfrage nach Konflikt- versus Konsensorientierung im Plenum aufgegriffen und im Lichte der historischen Entwicklung diskutiert werden.

Einstiegsmöglichkeiten ins Thema

E1 Unterrichtsgespräch/Einzelarbeit: Entschlüsseln einer Karikatur

Arbeitsaufgaben

A1 Gruppenarbeit/Arbeitsaufgaben: Analyse von statistischen Daten aus verschiedenen Perspektiven
A2 Gruppenarbeit: Auseinandersetzung mit ExpertInnen

UNTERRICHTSBEISPIEL: Politische Kultur und Gender
Schulstufe

8. - 9. Schulstufe

Lehrplanbezug

Unterrichtsprinzip „Erziehung zur Gleichstellung von Männern und Frauen“

Politische Kompetenzen
  • Sachkompetenz

  • Methodenkompetenz

  • Handlungskompetenz

  • Urteilskompetenz

Zentrale Fragestellungen
  • Die Gesellschaft besteht aus Männern und Frauen. Wie kann es zur Veränderung der politischen Kultur im Sinne einer Gleichstellung von Mann und Frau in politischen Funktionen kommen?

  • Was ist der gender gap und wie zeigt er sich sowohl in der politischen Vertretung als auch im WählerInnenverhalten in Österreich?

  • Was hat das mit medialen Inszenierungen (am Beispiel von Wahlplakaten) zu tun?

Annäherung an das Thema

„Politische Kultur“ ist „/…/ die Orientierung politischen Handelns an Werten, Einstellungen und Meinungen.“1Politische Kultur zeigt sich in den Handlungen der Bevölkerung eines Staates. Warum sind Frauen nach wie vor so unterrepräsentiert in politischen Funktionen in Österreich? Mehr als die Hälfte der österreichischen Bevölkerung ist weiblich, aber die politischen Repräsentantinnen in den verschiedenen politischen Institutionen stellen nirgendwo auch nur annähernd 50 %. Im Nationalrat beträgt der Frauenanteil zurzeit 28,42 % (siehe M1), in den Landtagen überschreitet nur Wien derzeit die 40-%-Marke knapp2, eine Quote, die sich die SPÖ in ihren politischen Organisationen vorgenommen hat, aber nirgendwo erreicht3. Auch in Wien tragen die Grünen, die als einzige Partei die Quote von 50 % Repräsentantinnen verwirklichen, zu dem Ergebnis im Wiener Landtag maßgeblich bei. Im Schnitt liegt der Anteil an Politikerinnen in den Landtagen bei 31 %4.

Gerade in der Regionalpolitik, in der es ja um wichtige lokale Entscheidungen und damit um Macht im unmittelbaren Umfeld geht, sind Frauen nur schwach vertreten. Der Anteil an Bürgermeisterinnen liegt in Österreich bei 3 %5. Was hat das mit gesellschaftlichen Normen hierzulande zu tun? Lehnen Frauen die „politische Kultur“ in Parteiorganisationen ab, ist ihnen die Zeit für politisches Engagement den Aufwand nicht wert? Greifen da noch die alten Rollenbilder? Oder werden Frauen nicht gewählt, weil ihnen weniger Autorität und Kompetenz zugebilligt wird? Im Sinn des Unterrichtsprinzips „Erziehung zur Gleichstellung von Männern und Frauen“ und der Ziele des „Gender-Mainstreamings“ muss es im politisch bildenden Unterricht ein Anliegen sein, die politische Kultur in Österreich in Bezug auf den ungleichen Zugang der Geschlechter zu politischer Repräsentanz aufzuzeigen, die historische Entwicklung dieser Ungleichheit darzustellen und im Sinn von Handlungsorientierung Maßnahmen anzudenken, diese Ungleichheit zu beseitigen. Sind Quotenregelungen mit unserer politischen Kultur vereinbar? Politische Kultur ist subjektiv, gerade in diesem Rahmen spielt daher Politische Bildung im Sinne der Bewusstmachung der unterschiedlichen Zugänge zu Macht- und Entscheidungspositionen, die Geschlechter betreffend, eine große Rolle.

Die Politische Kultur ist auch am Wahlverhalten ablesbar: „Frauen wählen anders.“ (gender gap)6.Während in der Ersten und zu Beginn der Zweiten Republik bis in die 1970er-Jahre Frauen eher konservative Parteien bevorzugten, zeigte die Familien- und Strafrechtspolitik der Ära Kreisky (gemeint ist hier die Familienrechtsreform 1975, erst da kam es zur Abschaffung des Begriffs „Familienoberhaupt“ zur Einführung der partnerschaftlichen Ehe und zur Beseitigung der Kriminalisierung der Abtreibung im Sinne der Fristenlösung) einen Einfluss auf weibliches Wahlverhalten.7 Kein Wunder, wurden doch erst jetzt – also in den 1970er-Jahren – die von den ersten weiblichen Abgeordneten im Parlament 1919 eingebrachten Anträge von der herrschenden Politik vertreten, nämlich von den Sozialdemokraten.8

Der Trend der WählerInnen zu konservativen Parteien wurde damit gebrochen. In späteren Jahren hat sich das Wahlverhalten von Männern und Frauen sehr angeglichen, bis in die Mitte der 1980er-Jahre – die FPÖ wurde zunehmend zur Männerpartei, die neuen „Grünen“ sowie auch das LIF wurden von den Frauen favorisiert. Beide hatten ja auch in den 1980er-Jahren – als erste österreichische Parteien – Spitzenkandidatinnen. Dieser Trend hält auch heute noch an. Die 50-%-Quote bei MandatarInnen wird von den Grünen auch mit folgendem Argument vertreten: Frauen sollen durch Frauen vertreten werden, weil sie sich für deren Themen stark machen – wenn man bedenkt, wie lange es gebraucht hat, dass die Anliegen der ersten Mandatarinnen im Parlament verwirklicht wurden und wie sich das auf das Wahlverhalten von Frauen auswirkte, ist dieser Faktor durchaus zu berücksichtigen.

1Filzmaier, Peter: Politik und Politische Bildung. Wien 2007, S. 73.
2http:www.wien.gv.at/politik/landtag/anteilemitglieder.html(28.1.2009)
3Vgl. http:
www.spoe.at/bilder/d251/statut.pdf (28.1.2009)
4http:derstandard.at/PDA/?id=1231151532476 (28.1.2009)
5Ebd.
6Vgl. http:
www.demokratiezentrum.org/media/pdf/hofingerogris.pdf
7Vgl. Die Frau als Wählerin, Wissensmodul „Frauenwahlrecht“,http://www.demokratiezentrum.org/de/startseite/themen/demokratieentwicklung/frauenwahlrecht/waehlerin.html (28.1.2009)
8Vgl. Ellmeier, Andrea: Frauenpolitik, in: Forum Politische Bildung (Hrsg.): Geschlechtergeschichte – Gleichstellungspolitik –Gender Mainstreaming (= Informationen zur Politischen Bildung 26). Innsbruck–Bozen–Wien 2006, S. 5–23, hier S. 13 u. 18.

Methodisch-didaktische Vorbemerkungen für LehrerInnen

Die SchülerInnen sollen zunächst im Sinn von Genderkompetenz die Geschichte der politischen Beteiligung von Frauen in Österreich erarbeiten. Reflektierter – also theoretisch und methodisch fundierter – und selbstreflexiver Zugang ist die Grundlage. Es wird einen Unterschied machen, ob Schüler oder Schülerin sich mit Frauengeschichte beschäftigt. Das sollte bewusst werden. Für das Arbeitswissen zum Thema „Frauen in der Politik“ empfehlen sich die grundlegenden Artikel „Frauenpolitik“ von Andrea Ellmeier (siehe Onlineversion) und „Feminisierung der Demokratie? Frauen und politische Partizipation“ von Barbara Steininger (siehe Webtipp).

Arbeitswissen: Politische Kultur bei Genderfragen – Wie zeigt sie sich in Wahlplakaten?
Arbeitsaufgaben

A1 Pro-und-Kontra-Diskussion: Einführung von Frauenquoten
A2 Analyse: Die Frau als Wählerin
A3 Analyse: Politische Kultur und Gender im Nationalratswahlkampf 2008

UNTERRICHTSBEISPIEL: Planung und Organisation einer politischen Demonstration
Altersstufe

8. Schulstufe

Lehrplanbezug

Aktueller Lehrplan der Sekundarstufe I: Die Beschäftigung mit Demonstrationen zielt auf die Anbahnung von politischer Handlungskompetenz.

Politische Kompetenzen

Unter politischer Handlungskompetenz wird jenes Bündel an Fähigkeiten, Fertigkeiten und Bereitschaften verstanden, mit deren Hilfe junge Menschen aktiv am politischen Geschehen partizipieren können. Im Besonderen wird hier die Teilkompetenz „Demokratische Mittel zur Durchsetzung eigener und fremder Anliegen anwenden“ angesprochen.

Zentrale Fragestellungen
  • Welche Bedeutung hat die politische Demonstration in einer modernen Demokratie?

  • Für welche Themen „lohnt“ es sich, auf die Straße zu gehen?

  • Was ist bei der Planung und Organisation einer Demonstration zu beachten?

  • Wie wird eine Demonstration effektiv durchgeführt?

Methodisch-didaktische Vorbemerkungen für LehrerInnen

Der Stellenwert von politischen Demonstrationen ist ein wichtiger Gradmesser für die politische Kultur einer Gesellschaft. Nicht ohne Grund werden solche Versammlungen in Demokratien grundsätzlich als wertvolles Bürger-, ja Menschenrecht1 angesehen, während sie in autoritären und totalitären Staatsformen mit Argwohn bedacht oder gar unter Strafe gestellt werden.2 Als eines der am einfachsten zugänglichen Medien für die politische Willensäußerung gilt die politische Demonstration daher in freien Gesellschaften als wichtiges politisches Gut. Sie gibt den Macht- und Lobbylosen unabhängig von Einkommen, Alter oder Bildungsgrad im Idealfall eine vernehmbare Stimme, verschafft ihnen (mediale) Aufmerksamkeit für ihre Anliegen und drängt die institutionelle Politik dazu, sich mit ihren Anliegen auseinanderzusetzen. In manchen Fällen kann sie gar als _informelles Plebiszit verstanden werden, dann nämlich, wenn aus der Zahl der Demonstrierenden auf die Verbreitung der von ihnen vertretenen politischen Position in der Bevölkerung geschlossen werden kann. Gleichwohl ist der Umgang mit Demonstrationen auch in Demokratien ambivalent, gibt es auch hier „erwünschte“ und „unerwünschte“ Kundgebungen, findet nicht selten eine Diffamierung ihrer TeilnehmerInnen durch Öffentlichkeit und Presse statt, werden DemonstrantInnen von der Staatsgewalt kriminalisiert und in ihren Rechten in bedenklichem Maße beschnitten. Das Ausmaß, in dem BürgerInnen daran gehindert werden, ihre Sache friedlich „auf der Straße“ zu vertreten, kann durchaus als Gradmesser für die Demokratiequalität einer Zivilgesellschaft angesehen werden.

Es erscheint für die politische Kultur unseres Landes höchst wünschenswert, dass sich besorgte BürgerInnen – und umso mehr Jugendliche – für politische Ziele einsetzen und ihren Anliegen in friedlicher, jedoch eindrücklicher Weise Geltung verschaffen. Österreich gilt diesbezüglich vielen ohnedies als Land, das in einer starken Tradition der Konfliktvermeidung steht.3 Kompetenzorientierter Politischer Bildung sollte es daher ein Anliegen sein, die SchülerInnen im Umgang mit diesem wichtigen Instrument politischer Meinungsmanifestation zu schulen. Dies gilt umso mehr, als das Demonstrationsrecht leicht ls Deckmantel für die Vorbereitung von Ausschreitungen und Tätlichkeiten missbraucht werden kann und daher einer klaren Abgrenzung bedarf. Die jüngsten Jugendkrawalle in Griechenland (Jahreswechsel 2008/2009) können als Ausgangspunkt herangezogen werden, um eine klare Unterscheidung zwischen einem legitimen und einem missbräuchlichen Umgang mit dem Demonstrationsrecht zu ermöglichen.

Die Teilnahme an einer Demonstration unterliegt keiner grundsätzlichen Altersgrenze, für die genannten FunktionsträgerInnen gelten jedoch wichtige Alterseinschränkungen4, die es schwierig machen, SchülerInnen unter 18 Jahren mit der Durchführung einer „wirklichen“ Demonstration zu betrauen. Die nachfolgend skizzierte Simulation für die Sekundarstufe I ist daher als „Trockenübung“ angelegt und lässt die SchülerInnen im Rahmen einer Simulation die Organisation einer gesetzeskonformen Demonstration durchspielen.

1Vgl. Artikel 11 EMRK, die rückwirkend in den Unterzeichnerstaaten Verfassungsrang erlangte.
2Das betrifft natürlich nur freie, der geltenden Staatsdoktrin u.U. zuwiderlaufende Demonstrationen. Zur Inszenierung ihrer scheindemokratischen Legitimation nutzen gerade autoritäre Staaten bevorzugt organisierte Volksaufmärsche, Demonstrationen und Kundgebungen. Vgl. etwa zur organisierten Demonstrationskultur in der Deutschen Demokratischen Republik: Düwel, Jörn: Hauptstadt der DDR: Raum für Feiern des Volkes, in: Gengnagel, Jörg et al. (Hrsg.): Prozessionen, Wallfahrten, Aufmärsche. Bewegung zwischen Religion und Politik in Europa und Asien seit dem Mittelalter. Köln 2008, S. 377–398
3Vgl. Gantner, Martin: Rechts, aber nicht radikal. Jugend in Österreich, in: Zeit online, 29. Dezember 2008, http:www.zeit.deronline/2008/52/jugend-bewegung-oesterreich (30.1.2009). 2006 wurden in Österreich 581 Demonstrationen angemeldet (2005: 481), wobei sich die Lobau-Tunnel-Gegner am häufigsten (54-mal) versammelten (vgl. die Verfassungsschutzberichte 2006 und 2007 des Bundesamts für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung auf http:www.bmi.gv.at/cms/bmi_verfassungsschutz/ (30.1.2009).
4Der Veranstalter muss juristisch voll handlungs- und geschäftsfähig sein, was Personen unter 14 Jahren (und ebenso AusländerInnen) als Veranstalter ausschließt und 14- bis 18-Jährigen höchstens die Veranstaltung von kleinen, erwartbar konfliktfreien Versammlungen (z.B. im Schulhof) erlaubt. Bei der Versammlungsleitung und den Ordnerdiensten gibt es keine ausdrückliche Regelung, Zierl (Zierl, Hans Peter: Versammlungsrecht für die Praxis. Ein Leitfaden für Demonstrationen, Wien 2003, S. 52) rät jedoch dringend davon ab, Personen unter 18 Jahren (Minderjährige) oder gar unter 14 Jahren (Unmündige) mit diesen Aufgaben zu betrauen.

Arbeitswissen: Demonstrationen in der jüngeren Geschichte
Arbeitswissen: Rechtliche Grundlagen für Demonstrationen
Simulationsspiel „Organisation einer Demonstration“

In unterrichtsmethodischer Hinsicht hat die Simulation einer politischen Demonstration viel mit der Methode der ->Bürgeraktion1 gemein. Mit dieser teilt sie auch die schwierige Voraussetzung, dass ihr Gelingen maßgeblich von der engagierten Mitarbeit der SchülerInnen abhängt. Die Organisation einer Demonstration im Unterricht ist nur dann möglich, wenn die beteiligte Klasse über ausreichendes Interesse und nötige Begeisterungsfähigkeit verfügt sowie aus freien Stücken an der Simulation mitarbeiten möchte. Die SchülerInnen planen und organisieren arbeitsteilig eine Demonstration, beschreiten die dazu notwendigen Behördenwege (Direktion), erstellen Materialien und setzen sich mit der Öffentlichkeitsarbeit, den rechtlichen Voraussetzungen und dem geplanten zeitlichen und räumlichen Ablauf auseinander. Die Planungs-, Organisations- und Evaluationsprozesse stehen bei dieser Simulation im Mittelpunkt, auf die tatsächliche Durchführung wird im Rahmen der Trockenübung verzichtet. Drei Phasen, die insgesamt 2 bis 3 Unterrichtseinheiten benötigen, werden bei der Simulation durchlaufen:
1Brunold, Andreas: Bürgeraktion, in: Reinhardt, Sibylle/Richter, Dagmar (Hrsg.): Politikmethodik. Handbuch für die Sekundarstufe I und II. Berlin 2007, S. 73–77
Phase 1: Thematische Hinführung und Planung
Unerlässlich ist die vorherige Aneignung von theoretischem und praktischem Arbeitswissen. Ausgehend von einem geeigneten thematischen Bezug (etwa die Bürgerrechtsbewegung oder der Fall der Mauer) werden zunächst Geschichte und Bedeutung der politischen Demonstration besprochen. Darauf folgt eine grobe Einführung in die wichtigsten rechtlichen Grundlagen (v.a. Rechte und Pflichten). Am Beginn der Simulation steht die gemeinsame Findung eines Demonstrationsthemas. Es erscheint sinnvoll, gemeinsam mit den SchülerInnen eine Liste mit Vorschlägen zu erstellen (z.B. Schul- und Bildungspolitik, Umweltpolitik, Asylrecht, Tierschutz, örtliche Freizeitmöglichkeiten etc.). Das gewählte Thema kann in diesem Rahmen durchaus auch kontrovers sein, jedoch muss darauf geachtet werden, dass sich in Summe der überwiegende Teil der SchülerInnen damit identifizieren kann – SchülerInnen, deren politische Position in erheblichem Widerspruch zum Ziel der simulierten Demonstration steht, müssen sich selbstverständlich auch nicht an der Simulation beteiligen. Anschließend werden die SchülerInnen aufgeteilt: auf das Organisationskomitee (3–4 SchülerInnen), die Politikabteilung (2–3), die Rechtsabteilung (1–2), die Öffentlichkeitsabteilung (2–3), die Kreativabteilung (2–3 Hauptverantwortliche und die übrigen SchülerInnen).
Phase 2: Organisation
In der zweiten Phase tritt der/die Lehrende in den Hintergrund, steht nur mehr beratend zur Verfügung und stellt sicher, dass die Gruppen zügig mit ihren Aufgaben voranschreiten. Das Organisationskomitee übernimmt jetzt die weitere Koordination der einzelnen Schritte und plant (innerhalb eines vom Lehrer / von der Lehrerin vorgegebenen Rahmens) Zeit, Ort und Ablauf der Demonstration.

Die Politikabteilung entwickelt eine „Plattform“ mit inhaltlichen Forderungen und Stellungnahmen, an die sich später alle TeilnehmerInnen der Demonstration halten müssen.Die Rechtsabteilung überprüft die gesetzlichen Auflagen und reicht bei der „Behörde“ (dem Direktor / der Direktorin, der/die zuvor von der Aktion in Kenntnis gesetzt wurde) formal die Anmeldung der Demonstration ein.Die Kreativabteilung fertigt Transparente und Flugblätter an (Papierbögen oder Leintücher, Farben, Klebebänder und eventuell Stäbe bereitstellen). Die fertigen Produkte werden hernach an der Wand affichiert. Die Öffentlichkeitsabteilung entwirft Ankündigungen und überlegt Wege, Menschen zur Teilnahme an der Demonstration zu bewegen. Auch bringt sie die Pressekontakte in Erfahrung und formuliert eine Presseankündigung.

Phase 3: Evaluation und Diskussion
Um den Organisationsprozess auszuwerten, werden die Gruppenarbeiten gemeinsam besprochen. Dazu stellen die einzelnen Abteilungen ihre Ergebnisse vor und reflektieren über die gelösten Aufgaben, über die Probleme (etwa bei der Koordinierung), auf die sie während ihrer Tätigkeit gestoßen sind, sowie über Verbesserungsmöglichkeiten. Anschließend endet die Simulation in einer ausgedehnten Diskussionsrunde im Sitzkreis, wobei der weitere (fiktive) Ablauf der Demonstration gemeinsam imaginiert wird. Dabei müssen auch die möglichen unangenehmen Erscheinungen politisch kontroverser Demonstrationen besprochen werden (z.B. verbale Auseinandersetzungen mit KritikerInnen, PassantInnen oder GegendemonstrantInnen, erkennungsdienstliche und regulative Maßnahmen der Wachkörper, negative Berichterstattung in der Presse) und wie mit diesen Erscheinungen umgegangen werden kann. Können die SchülerInnen der Demonstration Positives abgewinnen, darf gehofft werden, dass sie hinkünftig Wege finden werden, auf ihre politischen Anliegen auch mit den Mitteln des Versammlungsrechts effektiv hinzuweisen – ohne dabei jedoch die gesetzlichen Auflagen aus den Augen zu verlieren.

UNTERRICHTSBEISPIEL: Die Europäische Union im Unterricht. Arbeiten mit Materialien der Europäischen Kommission

Offizielle EU-Stellen wie die Europäische Kommission oder das Informationsbüro des ropäischen Parlaments für Österreich bieten eine Reihe von Materialien für den Unterricht auf unterschiedlichen Schulstufen an.1 Im Folgenden werden drei Beispiele für verschiedene Schul- und Leistungsniveaus vorgestellt und jeweils durch einen konkreten Unterrichtsvorschlag ergänzt.

1. SCHUL- UND LEISTUNGSNIVEAU: „In Vielfalt geeint“
Schulstufe

4. - 6. Schulstufe

Lehrplanbezug
  • Unterrichtsprinzip „Politische Bildung“: Erziehung zu gesamteuropäischem Denken

  • Unterrichtsprinzip „Europaerziehung“

  • Unterrichtsprinzip „Interkulturelles Lernen“: Beitrag zum gegenseitigen Verständnis, zum Erkennen von Unterschieden und Gemeinsamkeiten und zum Abbau von Vorurteilen

Politische Kompetenzen
  • Politikbezogene Methodenkompetenz

Zentrale Fragestellungen
  • Wie kann man im Unterricht, der sich der EU widmet, kritisch mit Stereotypen umgehen, die selbst in EU-Materialien reproduziert werden?

Annäherung an das Thema

Im Folgenden wird die Publikation „In Vielfalt geeint“1 vorgestellt und durch einen konkreten Unterrichtsvorschlag ergänzt. In dieser klar an Kinder adressierten Broschüre werden die 27 Länder der EU jeweils auf einer Seite vorgestellt. Als Zweck der Broschüre darf angenommen werden, dass sie der Identifikation mit der EU dienen soll und zugleich – wie aus dem Titelblatt ersichtlich ist – das interkulturelle Verständnis zwischen den BürgerInnen der EU-Staaten erhöhen möchte. Jedem der 27 EU-Länder ist eine Seite gewidmet, auf der man über die Fläche, EinwohnerInnenzahl, die Flagge, das Bundeswappen und das Jahr des EU-Beitritts informiert wird. Eine Landkarte in Comics-Form zeigt das Land und die Nachbarländer. Die Hauptstadt ist in der Landessprache beschriftet, eine landestypische Begrüßungsformel wird angeführt. Außerdem ist im Bild eine Fülle von Symbolen angeordnet, welche „Landestypisches“ zeigen. Diese müssen erst entschlüsselt werden.

1Europäische Kommission: In Vielfalt geeint. o. O. o. J. Die Broschüre ist beziehbar bei der EU-Infostelle, Kärntner Ring 5–7, 1010 Wien, Tel: (+43 1) 516 18–331, Ansprechpartner: Bernhard Kühr (bernhard.kuhr@ec.europa.eu).

Methodisch-didaktische Vorbemerkungen für LehrerInnen

Die Länder-Steckbriefe in dieser Publikation reproduzieren – wohl bis zu einem gewissen Grad auch unvermeidbar – Stereotypen, welche dem angenommenen Ziel der Publikation, der Vermittlung von gegenseitigem Verständnis und Grundwissen über die europäischen Nachbarn, hinderlich sein können. Werden kritische Arbeitsaufgaben gestellt, kann die Einschränkung der Perspektive durch Stereotype allerdings durchaus bewusst gemacht werden. Da die SchülerInnen der angegebenen Altersstufe wohl im Bezug auf Österreich am besten Bescheid wissen, wurde diese Seite für die weitere Arbeit ausgewählt. Allerdings sollte darüber hinaus mindestens ein Bild eines weiteren Landes analysiert werden, damit der Unterricht nicht national ist, sondern dem EU-Gedanken gerecht wird (siehe A6). Man könnte die Kinder auswählen lassen oder die Lehrperson wählt ein EU-Land, aus dem SchülerInnen der Klasse stammen.

Aufgrund der – wegen der Struktur der Broschüre – großen Gefahr der Stereotypisierung muss die Vorarbeit der Lehrerin/des Lehrers aber über das Erklären der vorhandenen Symbole und Begriffe (vgl. M1) hinausgehen. Es ist unerlässlich, das dargestellte Land multiperspektivischer zu betrachten. Gerade deswegen würde es sich auch anbieten, ein Herkunftsland von SchülerInnen der Klasse auszuwählen, sodass zugleich auch interkulturelles Lernen stattfindet. Da Stereotypisierungen interkulturellem Lernen mehr schaden als nutzen, sollten nicht mehr als zwei bis drei Länder behandelt werden. Dieser Hinweis scheint hinsichtlich des Unterrichts zu EU-Themen besonders wichtig, da die Erfahrung zeigt, dass hier noch immer das Vollständigkeitsprinzip (möglichst alle Länder gleichberechtigt behandeln) gegenüber dem interkulturellen Prinzip (Menschen und Länder in ihrer Vielfältigkeit wahrnehmen) zu überwiegen scheint.

Auch die Darstellung Österreichs in der Broschüre bedient sich einer Reihe von Stereotypen, die außer- und auch innerhalb des Landes immer wieder reproduziert werden: Österreich, das Land der Berge und Wälder, der SchifahrerInnen, WissenschafterInnen und KünstlerInnen, der Mehlspeisen und Semmeln. Die meisten Informationen beziehen sich auf die Vergangenheit, die Gegenwart ist eigentlich auf das Schifahren beschränkt. Alltagsthemen sind überwiegend ausgespart. Es ist überdies zu erwarten, dass viele der verwendeten Symbole und dargestellten Persönlichkeiten auch in Österreich geborenen SchülerInnen unbekannt sind.

Arbeitsaufgaben

A1 Gruppenarbeit: Österreich vorstellen
A2 Partnerarbeit: Zuordnung der Begriffe zur Österreich-Darstellung in der Broschüre
A3 Partnerarbeit: Recherche unbekannter Begriffe und Symbole in der Österreich-Darstellung
A4 Partnerarbeit: Analyse der Österreich-Darstellung in der Broschüre
A5 Einzelarbeit: Die Darstellung Österreichs im Vergleich
A6 Ein anderes EU-Land präsentiert sich

2. SCHUL- UND LEISTUNGSNIVEAU: „Fakten und Zahlen über Europa und die Europäer“
Schulstufe

5. - 8. Schulstufe

Lehrplanbezug
  • Unterrichtsprinzip „Politische Bildung“: Erziehung zu gesamteuropäischem Denken

  • Unterrichtsprinzip „Europaerziehung“

  • 8. Schulstufe: Europa und die EU. Politische Mitbestimmung Österreichs in der EU

Politische Kompetenzen
  • Politikbezogene Methodenkompetenz

Zentrale Fragestellungen
  • Wie können SchülerInnen lernen, Diagramme kritisch zu lesen?

  • Wie können SchülerInnen schrittweise dazu befähigt werden, selbst (einfache) Diagramme zu erstellen?

Annäherung an das Thema

In den meisten österreichischen Schulklassen ist ein hohes Ausmaß sprachlicher Kompetenz vorhanden, welches aber selten in seinem vollen Umfang erkannt und wertgeschätzt wird: Neben Deutsch als Unterrichtssprache und Englisch als Fremdsprache sind an vielen Schulen z.B. Kenntnisse in der türkischen, kroatischen, serbischen, indischen Sprache (die Liste ließe sich fortsetzen!) vorhanden. Während in vielen gesellschaftlichen Bereichen Mehrsprachigkeit als positiv und wünschenswert angesehen wird, werden mehrsprachige Schulklassen nach wie vor häufig in erster Linie mit der Vorstellung mangelnder Deutschkenntnisse assoziiert. Daher greift das folgende Unterrichtsbeispiel eine Umfrage unter EU-BürgerInnen zum Thema Mehrsprachigkeit auf.Im Folgenden wird die Publikation „Fakten und Zahlen über Europa und die Europäer“1 vorgestellt und durch einen konkreten Unterrichtsvorschlag ergänzt. Diese Broschüre gibt einen Überblick über Fakten und Zahlen aus der Europäischen Union, wie z.B. über Bevölkerungszahlen, Bildung und Forschung, Beschäftigung, Transport und Verkehr, Wirtschaft und Handel. Die Zahlen sind in Form von Diagrammen dargestellt, die durch Illustrationen veranschaulicht werden.
1Europäische Kommission: Fakten und Zahlen über Europa und die Europäer. Luxemburg 2007. Die Broschüre ist beziehbar bei der EU-Infostelle, Kärntner Ring 5–7, 1010 Wien, Tel: (+43 1) 516 18–331, Ansprechpartner: Bernhard Kühr (bernhard.kuhr@ec.europa.eu).

Methodisch-didaktische Vorbemerkungen für LehrerInnen

Das Lesen von Diagrammen gehört zu jenen Fähigkeiten, die – u.a. im Bereich der Politischen Bildung – zunehmend erforderlich sind, da in Zeitungen, TV-Nachrichten, Büchern, Internet-Beiträgen usw. Diagramme häufig zur Darstellung quantitativer Erhebungen dienen. Diagramme vermitteln Seriosität, denn sie scheinen auf „harten“ Daten und Fakten zu beruhen. Im Folgenden sei anhand eines Diagramms erläutert, wie mit Diagrammen – über die reine Informationsweitergabe hinaus – gearbeitet werden kann.

Die folgende Arbeitsaufgabe A1 bezieht sich auf das reine „Lesen“ der dargestellten Zahlen. Die Aufgabe A2 geht tiefer und fordert die SchülerInnen auf, sich Gedanken über die Art der Darstellung und des Zustandekommens der Antworten zu machen: Die Bezugsnorm bei Diagrammen sind in der Regel 100 %; dieses Diagramm endet jedoch bei 60 %. Würde es erst bei 100 % enden, würden die Ergebnisse weniger zufriedenstellend wirken. Allein die Gestaltung dieser Seite zeigt, wie hoch die gesellschaftliche Erwartung hinsichtlich Mehrsprachigkeit ist, daher kann erwartet werden, dass viele Befragte das gesellschaftlich Erwartete angeben – nämlich zumindest eine Fremdsprache zu beherrschen. (Die wissenschaftliche Unterscheidung zwischen Fremd- und Zweitsprache kann in diesem Fall wohl unterbleiben.) Im Erläuterungstext wird nicht darauf hingewiesen, inwieweit dieser gesellschaftliche Erwartungsdruck und damit verbundene falsche Angaben in die Berechnung einbezogen wurden. A3 fordert die SchülerInnen auf, selbst ein Diagramm zu erstellen.

Arbeitsaufgaben

A1 Einzelarbeit: Lesen des Diagramms „Plaudern mit den Nachbarn“
A2 Einzelarbeit: Analyse des Diagramms „Plaudern mit den Nachbarn“
A3 Gruppenarbeit: Erstellen eines Diagramms in der Klasse

3. SCHUL- UND LEISTUNGSNIVEAU: Europa in 12 Lektionen“
Schulstufe

Sekundarstufe I; SchülerInnen der 7. und 8. Schulstufe mit Unterstützung des Lehrers/der Lehrerin und Textentlastung
Sekundarstufe II; SchülerInnen der 9. Schulstufe

Lehrplanbezug
  • Unterrichtsprinzip „Politische Bildung“: Erziehung zu gesamteuropäischem Denken

  • Unterrichtsprinzip „Europaerziehung“

  • 8. Schulstufe: Europa und die EU. Politische Mitbestimmung Österreichs in der EU

Politische Kompetenzen
  • Politikbezogene Methodenkompetenz

Zentrale Fragestellungen
  • Wie können SchülerInnen dazu angeleitet werden, die Botschaften von Bildern zu entschlüsseln?

Annäherung an das Thema

Die von offiziellen EU-Stellen wie der Europäischen Kommission oder dem Informationsbüro des Europäischen Parlaments für Österreich herausgegebenen Materialien für den Unterricht haben natürlich die Aufgabe, die EU sehr positiv darzustellen. Aufgabe eines kompetenzorientierten Unterrichts in der Politischen Bildung muss es sein, die Mündigkeit und Kritikfähigkeit der SchülerInnen zu fördern. Mündigkeit erfordert die Fähigkeit, Absichten, die bestimmte Darstellungen und Manifestationen des Politischen verfolgen, zu erkennen und gegebenenfalls auch zu hinterfragen.
Im Folgenden wird die Publikation „Europa in 12 Lektionen“1 vorgestellt und durch einen konkreten Unterrichtsvorschlag ergänzt, in dem es in erster Linie darum geht, Gestaltungselemente einer politischen Manifestation offenzulegen. Die Broschüre gibt in 12 Kapiteln einen Überblick über wichtige Themen zur EU wie z.B. die historische Entwicklung, die Wirtschafts- und Währungsunion oder die Sicherheitspolitik.
1Fontaine, Pascal: Europa in 12 Lektionen. Broschüre der Europäischen Gemeinschaften, 2007. Die Broschüre ist beziehbar bei der EU-Infostelle, beziehungsweise steht sie unter http//ec.europa.eu/publications/index_de.htm (2.2.2009) auch zum kostenlosen Download zur Verfügung.

Methodisch-didaktische Vorbemerkungen für LehrerInnen

Wie viele Publikationen und Unterrichtsmaterialien zur und von der Europäischen Union sind die Texte der Broschüre sehr anspruchsvoll formuliert und auch sehr umfangreich. Daher scheinen sie im Unterricht erst ab der Sekundarstufe II oder vereinzelt in besonders sprach- und lesekompetenten Klassen der Sekundarstufe I einsetzbar. In der Mehrzahl der Fälle werden LehrerInnen der Sekundarstufe I die Texte sprachlich vereinfachen und kürzen müssen. Wie die meisten offiziellen Materialien der Europäischen Union ist die Broschüre im grafischen Bereich sehr professionell und ansprechend gestaltet. Daher eignen sich einige Bilder für den unmittelbaren Einsatz auch in der Sekundarstufe I.

Im Zentrum der folgenden Arbeitsaufgabe (A1) steht die Vermittlung politikbezogener Methodenkompetenz: Das Bild, welches den Einstieg in die Lektion „Warum brauchen wir eine europäische Union?“ bildet, weist eine Reihe von Symbolen auf, die auf die Inhalte und Wertungen der Lektion hindeuten: Die Hände stammen von einem Mann und einer Frau (siehe z.B. behaarte männliche Hände, unbehaarte weibliche Hände mit etwas längeren Fingernägeln), sie stammen von hell- und dunkelhäutigen Menschen. Gemeinsam bilden sie eine Art Globus, auf dem der europäische Kontinent zu erkennen ist. Die Aussage des Bildes weist auf die in der Broschüre folgenden Inhalte hin: Frieden und Stabilität, Vereinigung Europas, Sicherheit, Identität und Vielfalt in der globalisierten Welt, humanitäre Werte (siehe folgendes Arbeitswissen).

Durch die folgende Aufgabe kann den SchülerInnen verdeutlicht werden, dass politische llustrationen häufig auch Wertungen und Botschaften transportieren, die entschlüsselt und reflektiert werden müssen. Die Frage zur Bewertung der Gründe soll die Möglichkeit bieten, Bedenken zu äußern, zumindest soll aber mit dieser Aufgabe darauf hingewiesen werden, dass der Titel der Lektion mit der Frage „Warum brauchen wir eine Europäische Union?“ doch sehr apodiktisch formuliert ist und eigentlich andere Ansichten gar nicht zulässt.

Arbeitswissen: Der Auftrag Europas im 21. Jahrhundert
Arbeitsaufgaben

A1 Einzelarbeit: Analyse der Abbildung „Warum brauchen wir eine Europäische Union?“

UNTERRICHTSBEISPIEL: Das Europäische Parlament im Unterricht. Materialien und Unterrichtsvorschläge
Schulstufe

Sekundarstufe II; insbesondere SchülerInnen der 10.–12. Schulstufe

Lehrplanbezug
  • Unterrichtsprinzip „Politische Bildung“: Erziehung zu gesamteuropäischem Denken

  • Unterrichtsprinzip „Europaerziehung“
    Lehrplan Geschichte und Sozialkunde/Politische Bildung:

  • 11. Schulstufe: Politisches Alltagsverständnis – die verschiedenen Dimensionen und Ebenen von Politik, Formen und Grundwerte der Demokratie und der Menschenrechte, Motivationen und Möglichkeiten politischer Beteiligungs-, Entscheidungs- und Konfliktlösungsprozesse

  • 12. Schulstufe: Das politische und rechtliche System Österreichs und der Europäischen Union, /…/ europäische Integrationsbestrebungen und Globalisierungsprozesse – Chancen und Konfliktpotenziale (Demokratiegewinn, Demokratieverlust; globale Akteure; Regionalisierung)

Politische Kompetenzen
  • Methodenkompetenz

  • Handlungskompetenz

  • Urteilskompetenz

Lernziele
  • Wie funktioniert das Europäische Parlament?

  • Wie wird das Europäische Parlament gewählt?

  • Wie kann man auf EU-europäischer Ebene mitbestimmen?

Annäherung an das Thema

Mit der Wahlrechtsreform 2007 wurde das aktive Wahlalter von 18 auf 16 Jahre gesenkt. Dies hatte Auswirkungen auf Wahlen sowohl auf regionaler als auch auf europäischer Ebene zur Folge, da diese Regelung in einem Nachziehverfahren auf allen Ebenen zur Anwendung kommt. Bei der Wahl zum Europäischen Parlament im Juni 2009 ist Österreich das einzige EU-Mitgliedsland, dessen Jugendliche ab 16 wahlberechtigt sind. Diese aktuelle Wahl bietet sowohl im Fach Geschichte und Sozialkunde/Politische Bildung, aber auch darüber hinaus (auf Basis des Unterrichtsprinzips Politische Bildung) eine gute Gelegenheit, an den persönlichen Mitbestimmungsmöglichkeiten der Jugendlichen anzuknüpfen und das EU-Thema ausführlich und aktualitätsbezogen im Unterricht zu behandeln. Europa als Thema des politischen Unterrichts erhält – abgesehen vom Lehrplanbezug – auch insofern eine stärkere Bedeutung, da sich laut Umfragen jeder zweite Jugendliche aus Österreich nicht so gut über die Europäische Union, ihre Politik und ihre Institutionen informiert fühlt. 1

1Fessel-Gfk: Jugend in Europa 2008, CAWI-gestützte Umfrage von Jugendlichen zwischen 14 und 24 Jahren mit Internetzugang, Befragungszeitraum 2.7.2008–14.7.2008

Methodisch-didaktische Vorbemerkungen für LehrerInnen

Angesichts der vielen multimedialen Informationsangebote zum Thema bietet sich das Einbinden der online verfügbaren Informationen in die Unterrichtssituation sowie das Arbeiten mit dem multimedialen Online-Lexikon www.polipedia.at an: Auf PoliPedia.at können die SchülerInnen Texte (wiki-Einträge) schreiben oder auch selbstgemachte Audio- bzw. Videofiles, Grafiken und Bilder hochladen. In den Blogs wird die Meinungsbildung und Interaktion mit anderen Jugendlichen der heterogenen UserInnen-Community gefördert, vor allem der Storytelling-Blog bietet die Möglichkeit, persönliche Erfahrungen bei Wahlen und im Bereich politischer Partizipation zu schildern. Je nach Unterrichtssituation können bereits bestehende Einträge rund um die Themen bearbeitet, ergänzt oder kommentiert werden: Das Arbeiten mit PoliPedia.at bietet sich vor allem in Laptop-Klassen beziehungsweise in den PC-Räumen sowie bei selbstständigem Arbeiten (Portfolio, Referate, Arbeitsaufgaben etc.) an.
Die SchülerInnen können so nötiges Arbeitswissen erarbeiten und festigen damit insbesondere politische Handlungskompetenzen – als „Artikulieren, Vertreten und Durchsetzen von Interessen, Entscheidungen und Meinungen und /…/ Nutzen von Angeboten verschiedener Institutionen und politischer Einrichtungen.“1 Diese eigenständige Vorgehensweise ermächtigt die wahlberechtigten SchülerInnen, sich für die Wahlen zum Europäischen Parlament, aber auch vor künftigen Wahlgängen selbstständig Informationen anzueignen, einen Meinungsbildungsprozess zu durchlaufen, um dann am politischen Mitbestimmungsprozess teilzunehmen und ihre politischen Interessen artikulieren zu können.
Die folgenden Arbeitsaufgaben sind für den Zeitraum des Wahlkampfs bis hin zur Konstituierung des neu gewählten Europäischen Parlaments gedacht und können adaptiert und genauso für die Erarbeitung aktueller Nationalrats-, Landtags- und Gemeinderatswahlen umgesetzt werden.

1Krammer, Reinhard/Kühberger, Christoph/Windischbauer, Elfriede t. al. (Hrsg.): Die durch politische Bildung zu erwerbenden Kompetenzen. Ein Kompetenz-Strukturmodell (Langfassung).

Einstiegsmöglichkeiten ins Thema

E1 Was hat der Vertrag von Lissabon mit dem Europäischen Parlament zu tun?
E2 Filmischer Einstieg zum Europäischen Parlament

Arbeitsaufgaben

A1 Einzelarbeit: Internetrecherche zum Europäischen Parlament
A2 Einzelarbeit: Die Fraktionen im Europäischen Parlament
A3 Einzelarbeit: Wer ist bei den Wahlen zum Europäischen Parlament wahlberechtigt?
A4 Dokumentation und Analyse: wiki-Einträge verfassen
A5 Einzelarbeit: Europawahlen im Bild
A6 Einzelarbeit: Storytelling-Blog: Meine Wahlen zum Europäischen Parlament
A7 Vergleich: Nach der Europawahl
A8 Internetrecherche "Ein Blick zurück"

GLOSSAR

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